Theater AG: Der Besuch der alten Dame

Theater AG: Der Besuch der alten Dame

Nach den erfolgreichen Aufführungen von „Einer flog über das Kuckucksnest“ im Juni 2009 und dem darauf folgenden „Exodus“ von dreizehn LiZi-Mitgliedern (Schauspieler, Techniker, Bühnenbildner, Regie), hat sich die „LiZi-Truppe“ im Laufe des Jahres konsolidiert und tritt nun mit einer deutlich verjüngten „Mannschaft“ wieder auf die Bühne des Starkenburg-Gymnasiums.
Statt der zunächst geplanten Inszenierung einer Theater-Version des Stanley-Kubrick-Films „Clockwork-Orange“ – von der wir wegen der massiven Gewaltszenen jedoch Abstand genommen haben – präsentierten wir im Juni 2010 mit dem „Besuch der alten Dame“ einen Klassiker der Moderne.

Hier ein paar Bilder von den Vorführungen:

ALTE DAME“ – „ALTER HUT“ möchte man meinen. Denn das Stück des Schweizer Autors Friedrich Dürrenmatt ist nicht nur ein Klassiker der Moderne, sondern auch ein Klassiker des Schultheaters und gilt als „abgespielt“. „Kein Mensch will’s mehr sehen“, war deshalb auch die Meinung eines Kollegen.

Wir wollen mit unserer Inszenierung seine Meinung widerlegen und der „Alten Dame“ einen „neuen Hut“ verpassen. Denn das Thema ist – und bleibt wahrscheinlich auch in nächster Zeit noch – aktuell.

Der Besuch der alten Dame“ entstand 1955, die Uraufführung fand ein Jahr darauf im Schauspielhaus Zürich statt (mit der unvergleichlichen Therese Giese in der Titelrolle). Das Stück avancierte zum „Renner“ der Spielsaison 1956/57 und begründete Dürrenmatts Weltruhm als Bühnenautor.

Seit 1956 wurde die „Alte Dame“ auf allen großen Bühnen der Welt gespielt und fand vielfältigen Eingang auch in den Film und ins Fernsehen. Bekannt geworden sind vor allem die Film- und Fernseh-Adaptionen mit Elisabeth Flickenschildt (1958), Maria Schell (1982) und zuletzt mit Christiane Hörbiger (2008).

INHALT Claire Zachanassian, durch die Ehe mit einem Ölmilliardär zu unvorstellbarem Reichtum gekommen, kehrt nach vielen Jahren in die Kleinstadt Güllen zurück, die sie vor langer Zeit, als sie noch Kläri Wäscher hieß, verarmt, entehrt und hochschwanger verlassen musste.

Güllen, einst reich und „blühend“, macht mittlerweile einen jämmerlichen Eindruck – und mit der Stadt sind auch ihre Bewohner verkommen und leben in erbärmlichen Verhältnissen.

Claire Zachanassian ist auf der Suche nach Genugtuung für ein altes Unrecht, das sie als junges Mädchen durch die Einwohner von Güllen, vor allem aber durch ihren ehemaligen Geliebten Alfred Ill, erlitten hat.

Und so macht sie den Bürgern der Stadt ein ungeheuerliches Angebot: eine Milliarde an Güllen für den Kopf von Alfred Ill.

Im Namen der Menschlichkeit“ weist der Bürgermeister das Ansinnen zunächst empört zurück, doch schon bald sieht man in Güllen die ersten Anzeichen von Kauflust und Konsumfreude.

Und so muss die „Alte Dame“ nur auf dem Balkon des Hotels „Zum goldenen Engel“ sitzen und warten – und die „Gerechtigkeit“ nimmt ihren Lauf.

INSZENIERUNG „Claire Zachanassian stellt weder die Gerechtigkeit dar noch den Marshallplan oder gar die Apokalypse, sie sei nur das, was sie ist, die reichste Frau der Welt, durch ihr Vermögen in der Lage, wie eine Heldin der griechischen Tragödie zu handeln, absolut, grausam, wie Medea etwa“, schreibt Friedrich Dürrenmatt 1956. Er liefert damit einen Interpretationsansatz, der viele Aufführungen der Vergangenheit bestimmt hat, dem wir in unserer Inszenierung aber bewusst nicht gefolgt sind.

Statt engere Bezüge zur griechischen Tragödie zu knüpfen, stellen wir den moralischen Ansprüchen des „alten Europa“ – verkörpert durch die Güllener Bürger – deren allmähliche Zersetzung durch ein „amerikanisches Konsumdenken“ entgegen, das in der „Alten Dame“ und ihrem Gefolge seinen Ausdruck findet.

Unsere Inszenierung spielt auch visuell und akustisch, im Bühnenbild, in den Kostümen und in der Musik, mit dieser Idee – und so erlebt die jodelnd-trübe, grau-braune Welt der Güllener Kleinstadt die Okkupation durch eine rockig-laute, schrill-bunte und glitzernde Plastik-Gesellschaft, die Andy Warhols Factory entsprungen sein könnte. Ob man dies nun positiv oder negativ empfindet, bleibt letztendlich jedem Zuschauer selbst überlassen.