Für das Lernen nach der Schule qualifizieren

Für das Lernen nach der Schule qualifizieren

Kompetenzorientierter Unterricht: Staatliches Schulamt und Bergsträßer Anzeiger nutzen Neuauflage von „Schüler machen Zeitung“ für gemeinsames Pilotprojekt.

Das Staatliche Schulamt und der Bergsträßer Anzeiger hatten gemeinsam ins Heppenheimer Starkenburg-Gymnasium zu einer Fortbildung eingeladen: „Schüler machen Zeitung“ wird zum Gegenstand von kompetenzorientiertem Unterricht.

„Drei – drei – drei, bei Issos Keilerei.“ Unser Geschichtslehrer hat größten Wert darauf gelegt, dass meine Mitschüler und ich diesen Merksatz, wann und wo Alexander der Große und Darios III. erstmals eine Schlacht gegeneinander geschlagen haben, aus dem Effeff beherrschten.

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Allerdings: Das war vor drei Jahrzehnten – und weder der Unterrichtende noch wir Lernenden hatten per Notebook stationär im Klassensaal oder per Smartphone von unterwegs aus Zugriff aufs Internet und konnten „Issos“ googeln, um damit in Erfahrung zu bringen, dass sich die Makedonen und Perser im Jahre 333 vor Christus die Köpfe eingeschlagen haben.

Wenn nun heutzutage verstärkt von „kompetenzorientiertem Unterricht“ und von einem entsprechenden „Paradigmenwechsel“ die Rede ist, dann ist das nichts anderes als die richtige Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen und veränderte (berufliche) Anforderungen: Schließlich ist (Fach-)Wissen heute fast zu jedem Zeitpunkt und an jeder Stelle dieser Erde von jedermann abrufbar – man muss allerdings wissen, wie das funktioniert. Und man muss überprüfen können, ob das Ergebnis der digitalen Recherche auch wirklich korrekt, die Quelle seriös ist. Und überdies muss man das so „erworbene“ Wissen einordnen, muss es anwenden können.

Keine Sorge: Einer Abschaffung von traditioneller schulischer Wissensvermittlung, wie sie manche Kritiker angesichts dieser kultusministeriellen Hinwendung zum kompetenzorientierten Lehren und Lernen befürchten, kommt das nicht gleich. Allerdings verschiebt sich bei der Planung von Unterricht der Schwerpunkt von der Frage „Was sollen die Schüler wissen?“ hin zu der Frage „Was sollen die Schüler können?“

Wie diese zunächst sehr theoretisch anmutende, aber zentrale Aufgabenstellung von Kompetenzorientierung mit Leben gefüllt werden kann, darüber informierten jetzt Experten des Staatlichen Schulamtes für die Bergstraße und den Odenwaldkreis sehr praxisnah am Beispiel des medienpädagogischen Projekts „Schüler machen Zeitung“, das der Bergsträßer Anzeiger im Herbst zum zwölften Mal auflegen wird. Schulamtsdirektor Jörg Dietrich und ein aus den Unterrichtsentwicklungsberatern und Fortbildnern Ulrike Moog, Bernd Siefert und Thomas Stricker bestehendes Team hatten an das Heppenheimer Starkenburg-Gymnasium zur Präsentation eines Pilotprojekts eingeladen.

Jörg Dietrich brachte es vor den fortbildungswilligen Lehrerinnen und Lehrern auf den Punkt: „Wir müssen – unter Wahrung der Bildungsstandards – vom Lernenden her denken.“ Nach dem „PISA-Schock“ im Jahre 2000 sei es dringend geboten gewesen, den Unterricht zwar „stofflich zu entschlacken“, die Lernenden jedoch verstärkt „für das Lernen nach der Schule zu qualifizieren“. Wissensvermittlung werde dadurch nicht abgeschafft, aber die Pädagogen müssten sich einer neuen Herausforderung stellen: Nämlich die „Selbstlernkompetenz“ der Schüler zu initiieren und zu fördern.

Das Projekt „Schüler machen Zeitung“ diente Dietrich als geeigneter Unterrichtsgegenstand für mehr Kompetenzorientierung: „Medienkompetenz meint nicht: Wie bediene ich die Computer-Maus? Es geht vielmehr um das Aneignen einer Kulturtechnik.“

Ulrike Moog, Deutsch-Lehrerin am Starkenburg-Gymnasium und Fortbildnerin des Schulamtes in diesem Fach, pflichtete bei – und lieferte den Teilnehmern der Fortbildung eine Vielzahl attraktiver Vorschläge, warum mit Blick auf Kompetenzorientierung eine Teilnahme an „Schüler machen Zeitung“ sinnvoll sein kann: Den Schülern werde so „handlungs- und produktionsorientierter Unterricht“ geboten.

Googeln alleine hilft nicht weiter

Zum Beispiel dann, wenn sie ein Interview führen sollen – die geforderte Kompetenzorientierung besteht nun nicht darin, die journalistische Stilform „Interview“ in der Theorie, sondern ganz praktisch kennenzulernen: Ein geeignetes Thema muss gefunden, erforderliches Detailwissen recherchiert, Fragen müssen formuliert werden. Die Schüler müssen einen Interviewpartner suchen, den Termin ausmachen, das Interview führen, aufzeichnen und transkribieren – das Ergebnis wird am Ende dann in der Tageszeitung und auf der Webseite des Verlags veröffentlicht.

So etwas nennt man dann „fürs Leben lernen“ – den Begriff „Interview“ nämlich einfach nur im Internet zu googeln, bringt mit Blick auf Kompetenzorientierung nun einmal nicht weiter.

© Bergsträßer Anzeiger, Freitag, 05.10.2012