Nazis von nah und fern

Nazis von nah und fern

Rechtsextremismus – Podiumsdiskussion im Starkenburg-Gymnasium findet über den großen Bogen zur Bergstraße.
Das Thema zieht, wie die Anwesenheit von nahezu 200 Zuhörern, vor allem Schüler, belegte. Dabei hat Heppenheim zumindest derzeit kein großes Problem mit Neonazis, wie Bürgermeister Rainer Burelbach (CDU) sagte: „Im Moment wird kein rechtsextremes Potenzial erkennbar. Ob das morgen noch so ist, kann keiner sagen.“
„Das stimmt auf jeden Fall nicht“, widersprach ihm Curtis Zettersten, der als Vertreter der Grünen Jugend Bergstraße vorgestellt worden war. Jahrelang sei hier eine der größten Nazi-Kameradschaften Deutschlands tätig gewesen. „Und die Ex-Kader wohnen noch immer in der Heppenheimer Innenstadt.“ Überdies habe es Übergriffe von Rechten in der Kreisstadt gegeben – „nicht zu wenige“, wie Zettersten betonte.
Einig waren sich die Gesprächsteilnehmer über einen Ansatz der Bekämpfung: „Man muss sich vor Ort den Extremisten entgegenstellen“, sagte Manfred Forell, Sprecher der Bergsträßer Initiative gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. „Handeln muss lokal sein“, pflichtete Burelbach bei.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Christine Lambrecht beklagte, dass Richter oft nicht mittäten. Sie urteilten Körperverletzungen ab, ohne den rassistischen Hintergrund zu sehen.
Zum Fall der Bensheimer Stadtverwaltung, die im Sommer 2012 eine Demonstration von Rechtsextremisten mitten durch die Stadt genehmigt hatte, merkte Heppenheims Bürgermeister an, dass dies von den Veranstaltern geschickt eingefädelt worden sei: „Ich hoffe, dass unsere Verwaltung nicht reingelegt wird.“ Der gute Wille ist da, „aber so etwas kann passieren“.
In diesem Zusammenhang kritisierte Zettersten die Berichterstattung des ECHO; die Zeitung habe ein Interview mit dem Organisator geführt und damit „eine offene Plattform für Hass und Rassismus“ geboten, behauptete er. Tatsächlich waren einzelne Aussagen des Extremisten zum Ablauf der Demo-Genehmigung veröffentlicht worden, nichts aber zu Inhalten von dessen Ideologie.
Was auf jeden Fall gegen braune Umtriebe hilft, brachte Benedikt Widmaier, Direktor der Heppenheimer Bildungsstätte Haus am Maiberg, auf den Punkt: „Bildung, Bildung, Bildung“.
Laurien Simon Wüst, Landesschülersprecher, sieht „gerade die Schulen gefordert“. Kühn schlug der Bensheimer den Bogen zum Schulsystem, das gegen Toleranz wirke. Für die Parole „Weg mit der Dreigliedrigkeit“ gab es Applaus in der Aula.

Die von den Starkenburg-Schülerinnen Julia Friederich und Berrit Praxl begleitete Diskussion setzte hier wie anderswo zum Rundflug an: Er führte von der Bergstraße über Wiesbaden und Zwickau (Quartier der Terrorzelle NSU) nach Berlin, wo das zweite Verfahren zum Verbot der NPD angestrengt wurde, und weiter nach Athen.
Dort, so Wüst, sei ein Schauplatz der Radikalisierung zu finden, die in Finanzkrise und Sparauflagen ihre Ursachen habe. „Die deutsche Politik ist dafür verantwortlich“, erklärte der Schülersprecher. Manches erinnere an die Zeit nach dem Versailler Vertrag, auch wenn dies „ein krasser Vergleich“ sei.
In die gleiche Kerbe noch ein wenig fester hieb Curtis Zettersten, der von marodierenden, mordenden Nazi-Banden in Griechenland berichtete, die ihr Unwesen mit Unterstützung der Polizei trieben.
Burelbach wurden Vergleiche und Szenarien zu bunt. „Ich bin überrascht, wie gut sich viele hier in Griechenland auskennen“, sagte er. Von solchen Pauschalisierungen und populistischen Behauptungen halte er nichts, und es sei „anmaßend“, apodiktisch festzustellen, was in der Krise richtig und was falsch sei. Lieber solle das Podium über die Bergstraße reden, wünschte sich der Bürgermeister.
Nicht aber die durchaus rege rechte Szene im Kreis, sondern das NPD-Verbot war an diesem Abend der rote Faden, der sich an bekannten Positionen entlangschlängelte. Ja, die Partei müsse verboten werden, sagten etwa Lambrecht und Burelbach; damit verliere sie Struktur, Öffentlichkeit und Geld. „Als Steuerzahler möchte ich die nicht noch finanzieren“, unterstrich die SPD-Politikerin. Er halte nicht so viel davon, die Rechten in erster Linie juristisch zu bekämpfen, hielt Widmaier entgegen. Politik und vor allem Bildungspolitik sei das Mittel der Wahl.

(c) Echo Online 29.01.13