Eigenes Kriminalstück nach einem wahren Fall

Eigenes Kriminalstück nach einem wahren Fall

Heppenheim. Unter der Überschrift „Verliebt … verlobt … verloren?“ präsentierten die Schüler des Profilbildungskurses „Darstellendes Spiel“ des Starkenburg-Gymnasiums eine Arbeitsprobe dessen, was sie gemeinsam mit ihrer Lehrerin Gabriele Krieger erarbeitet haben. Herausgekommen ist ein beachtliches, selbst geschriebenes Stück.

Der Tod der Lolita Brieger
Zugrunde lag der Arbeit der Zehntklässler der Fall „Lolita Brieger“: Die junge Lolita, ungewollt schwanger von ihrem Freund Jupp, war spurlos verschwunden. Viele Jahre später wurde ihre Leiche gefunden. Jupp wurde 2012 freigesprochen, weil die Ermittler nicht mehr nachweisen konnten, dass Lolita ermordet worden war; Totschlag dagegen verjährt nach 30 Jahren.
Die Mitwirkenden
Auf der Bühne: Mona Adrian, Florian Böhmert, Rebecca Dickson, Johannes Gärtner, Vanessa Gölz, Diana Heinz, Fiona Jerlija, Maraike Kohl, Jule Krauß, Zoe Kreplin, Bastian Langner, Ines Mion, Sandro Peschel-Kielpinski, Chantal Rietdorf, Elena Schäfer, Celine Trares, Benedikt Wagner, Claudia Walter, Jasmin Zimmermann.
Theaterlehrerin: Gabriele Krieger. Bühnenbild (Projektion) und Beratung: Susanne von Engeln. Plakat: Diana Heide Heinz.
Die Jugendlichen haben sich in den vergangenen Monaten darüber Gedanken gemacht, wie die Hintergründe der Tat gewesen sein könnten. Bekannt waren nur die Eckdaten. Das selbst verfasste Stück entstand aus Improvisation und Rollenbiografie. Gewählt haben die 19 Schüler des Starkenburg-Gymnasiums die Form einer Rahmenhandlung. Szenische Darstellung über die Zeit von Lolitas Verschwinden wechselten mit aktuellen – gespielten – Ausschnitten aus der Sendung „Aktenzeichen XY“ samt einem ebenso auf der Bühne nachempfundenen Kurzfilm. Nüchtern und sachlich gehalten waren Bühnenbild und Kostüme.
Schwarze Gestalten, die Gerüchte in Lolitas Heimatdorf in der Eifel streuten, wechselten sich ab mit Fakten aus den letzten Stunden im Leben der Lolita B. oder mit einer Szene auf dem Rummelplatz, auf dem Jupp und Lolita aufeinandertreffen. Am Küchentisch sitzt Lolitas Mutter und schält Kartoffeln. Die Zuschauer erhalten Einblick in ein typisch kleinbürgerliches Milieu. Der Vater scheint ein Despot zu sein, unterstreicht beinahe genüsslich die Außenseiterrolle seiner evangelischen Familie. Eine Liaison mit dem Sohn des reichen Ortsbauern hat man nicht nötig.
Verzweiflung bei Lolita in der folgenden Szene: Sie beichtet ihre Schwangerschaft den Freundinnen. Doch diese wenden sich ab von ihr. Dann, mit einem Mal, ertönt ein Stück aus Goethes Faust: Gretchens Liebesgeständnis „Meine Ruh‘ ist hin.“ Auch bei Jupp daheim ist bei weitem nicht alles so, wie es sein sollte. Auch hier scheint der Vater eine negative Rolle zu spielen. Lolita und Jupp – Romeo und Julia auf dem Dorfe – haben nie eine wirkliche Chance, miteinander glücklich zu werden.
Das nächste stilistische Mittel ist eine Szene hinter der Schattenwand. Halb im Verborgenen spielt sich das ab, von dem man bis heute nicht weiß, ob es sich wirklich so zugetragen hat: Lolita und Jupp, erst in inniger Umarmung, dann ein kurzer Streit – und ein Stich mit dem Messer.
Bei der folgenden Stammtischszene ist Lolitas Verschwinden Gesprächsthema, wirklich erschüttert oder berührt darüber ist kaum einer. Der Moderator von „XY“ übernimmt wieder: Wer weiß etwas? Wer trägt seit langen Jahren eine Schuld?
Im nächsten Moment sieht man eine schlafende Gestalt. Neben ihr der zur Person gewordene Albtraum: „Du hast es getan!“ Szenenwechsel – Lolitas Mutter trauert vor dem Foto der Tochter. Ein klassisches Musikstück, intoniert von Geige und Cello, begleitet die Szene. Ein lateinisches Gebet wird vorgetragen. Alle Darsteller stehen stumm im Halbkreis.
Das selbst geschriebene Stück erhielt verdient großen Applaus. Den Schülern gelang die Gratwanderung zwischen einer realistischen Darstellung und dennoch der Wahrung einer Distanz zum Fall. Vieles von dem, was sie von Gabriele Krieger im Laufe des Schuljahres gelernt haben, konnten sie zeigen: schauspielerisches Handwerkszeug wie präsentes Gehen, Freeze, Improvisation, Proxemik, chorisches Sprechen, Umgang mit der Stimme, Körpereinsatz, Kampf auf der Bühne – und natürlich, wie man ein Theaterstück dramaturgisch aufbaut. rid
© Bergsträßer Anzeiger, Samstag, 06.07.2013