Die Durchsage unseres Schulleiters Herrn Zotz zur heutigen Gedenkveranstaltung im Wortlaut

Die Durchsage unseres Schulleiters Herrn Zotz zur heutigen Gedenkveranstaltung im Wortlaut

Liebe Schülerinnen, liebe Schüler, liebe Kolleginnen und Kollegen,
heute haben wir uns in der ersten Stunde mit einem besonders dunklen Kapitel deutscher Geschichte auseinander gesetzt, der Reichspogromnacht. Wir erinnern an das Elend vieler jüdischer Menschen und verschließen nicht die Augen vor der Schuld, die Deutsche in der Zeit des Nationalsozialismus auf sich geladen haben.
Ich zitiere einen Zeitzeugen, der als Schüler die Schrecken des 09. Novembers 1938 miterlebt hat:

„Als ich am Morgen des 10. November zur Schule ging, erblickte ich plötzlich auf meinem Weg ein Geschäft, dessen Schaufenster zertrümmert war und dessen Einlagen und Ausstellungsstücke wild durcheinander lagen und von Scherben übersät waren. Vor dem Geschäft standen etwa ein Dutzend Menschen, darunter auch Schulkinder, die alle schweigend auf die angerichtete Verwüstung blickten. Ebenso stumm gingen sie nach einer Weile wieder weiter, mit nachdenklichen Gesichtern. Spätestens jedoch beim zweiten zertrümmerten Geschäft waren sie ebenso erstaunt wie ratlos und wahrscheinlich fragten sie sich, warum diese Verwüstung der jüdischen Geschäfte wohl sein mußte.“

Ich kann das Empfinden dieses Schülers gut nachvollziehen, trotzdem irritiert mich seine Wortwahl in der nachträglichen Schilderung der damaligen Situation. Er spricht von schweigendem Dastehen, stummen Weitergehen, von Erstaunen und Ratlosigkeit und von Nachdenklichkeit. In der Erinnerung an die Reichspogromnacht genügen diese, Passivität ausstrahlende, Begriffe nicht. Das Zitat verschweigt zudem, dass viele Deutsche sich aktiv an den Verbrechen beteiligt haben und sich dabei noch im Recht fühlten.
Wir müssen uns nicht nur erinnern, wir müssen daraus lernen!
Wenn Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer Kultur, ihres Geschlechts diskriminiert und verfolgt werden, dann stehen wir nicht schweigend da, gehen stumm weiter, sind erstaunt und machen ein nachdenkliches Gesicht. Das Gedenken an die Reichspogromnacht ist die Aufforderung: setze dich ein, protestiere, engagiere dich gegen jede Form von Diskriminierung, Verfolgung und Unterdrückung!

Wir wollen jetzt in einer Schweigeminute der Opfer des Nationalsozialismus gedenken. Wir gedenken auch jener Menschen, die dem Terror entkommen sind und deren Leben zerstört wurde.