Gedenkveranstaltung des Starkenburg-Gymnasiums Heppenheim am 8. November 2013

Gedenkveranstaltung des Starkenburg-Gymnasiums Heppenheim am 8. November 2013

Im Sinne eines „Erinnerns“ gegen ein „Vergessen“ und v.a. „Unterlassen“ hat die Schulgemeinde des Starkenburg-Gymnasiums Heppenheim am 08.11.13 in vielfältiger Weise des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht gedacht. Dies bringen bereits die Worte des Schulleiters Bernhard Zotz, mit denen er eine Gedenkminute von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern anlässlich des dunklen Kapitels deutscher Geschichte nach der ersten Unterrichtsstundeeinleitete, zum Ausdruck: „Wir erinnern an das Elend vieler jüdischer Menschen und verschließen nicht die Augen vor der Schuld, die Deutsche in der Zeit des Nationalsozialismus auf sich geladen haben. […] Wir müssen uns nicht nur erinnern, wir müssen daraus lernen! Wenn Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer Kultur, ihres Geschlechts diskriminiert und verfolgt werden, dann stehen wir nicht schweigend da, gehen stumm weiter, sind erstaunt und machen ein nachdenkliches Gesicht. Das Gedenken an die Reichspogromnacht ist die Aufforderung: Setze dich ein, protestiere, engagiere dich gegen jede Form von Diskriminierung, Verfolgung und Unterdrückung!“ – Besonderes Engagement gezeigt haben bereits im Vorfeld der Gedenkveranstaltung Schülerinnen und Schüler aus zwei Kursen der Geschichtslehrerin und Fachsprecherin Geschichte Frau Andrea Herlitze, die ein Logo für den Verein „Stolpersteine Heppenheim e.V. – Erinnern für die Zukunft“ entworfen und im Rahmen einer Ausschreibung eingereicht haben. Der Entwurf der Schülerinnen Sophia Koglin, Helen Kellner und Eva Trilligaus der Jahrgangsstufe 8 wurde ausgewählt und wird künftigVereinslogo sein. Ebenfalls auf die Initiative von Frau Herlitze hin ist eine Ausstellung zum Thema „9. November – Ein besonderer Tag in der deutschen Geschichte?“ entstanden, die sie gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern gestaltet hat und die großes Interesseinnerhalb der Schulgemeinde fand. Über die genannten Aktivitäten hinaus haben Schülerinnen und Schüler von den Jahrgangsstufen 5 bis 12 gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern in den ersten beiden Unterrichtsstunden Gelegenheit gehabt, sich des 9. November 1938 in seiner Tragweite und Konsequenz zu erinnern. Initiiert und organisiert wurden die verschiedenen Erinnerungsanlässe von der Fachbereichsleiterin des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes Frau Christiane Wüstner. Die angeregten Erinnerungsanlässe etwa in Form eines Vortrags und eines Films sollten allerdings mehr seinals ein Gedenken an ein für junge Leute doch weit zurückliegendes historisches Ereignis. Denn: Ein „Gedenken um des Gedenkens willen“ ist, wie Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, in einem Beitrag zum 9. November 1938 in der Süddeutschen Zeitung zum Ausdruck bringt, „ jungen Leuten nicht mehr zu vermitteln. Sie haben keine Schuld. Sie brauchen sich nicht für unser Land zu schämen. Den nachfolgenden Generationen ist die Notwendigkeit des Erinnerns nur dann verständlich, wenn unsere Erinnerungskultur nicht in der Vergangenheit verharrt. Erinnern muss mehr sein als bloßes Gedenken.“ Diesen Appell hat in ganz besonderer Weise Herr Dr. Franz Kilthau, Vorsitzender des Synagogenvereins Zwingenberg, mit einem Vortrag in der Aula zum Thema „Die Reichsogromnacht an der Bergstraße“ eingelöst. Dieser wurde eingeleitet durch ein von Peter Kunert, ehemaliger Lehrer am Starkenburg-Gymnasium, bewegend vorgetragenes Lied in jiddischer Sprache mit dem Titel „Es brennt“. Die Schülerinnen und Schüler aus der Jgst. 12 verfolgten im Anschluss daran überaus konzentriert, staunend und gebannt Herrn Dr. Kilthaus Schilderung von Ereignissen, die sich ganz in ihrer Nähe zugetragen haben. Auch wenn diese für sie gewiss nicht Zeitgeschichte, sondern mittlerweile Geschichte sind, haben die authentischen, schülernahen Erzählungeneine Fragehaltung ausgelöst und für ein trauriges Ereignis deutscher Geschichte sensibilisiert. Ein Brückenschlag in die Gegenwart und in die die Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler der Jahrgangstufen 10 und 11 konntedurch den Besuch des Films „Was geht uns das heute noch an?“ – Erinnern gegen das Vergessen“, produziert von Schülerinnen und Schülern der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule in Darmstadt und gezeigt im Saalbau-Kino Heppenheim, hergestellt werden. Die anschließende Diskussion mit den Filmemachern vermochte dies an vielen Stellen zu verdeutlichen. – Über die Angebote für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe hinaus hatten auch Lernende aus der Sekundarstufe I Gelegenheit, auf ihnen angemessene Weise im Unterricht auf Spurensuche zu gehen. Dies anhand ausgewählter literarischer Texte beispielsweise von Brecht, Grass und Fühmann oder vor dem Hintergrund von Zeitzeugenberichten und Auszügen aus Jugendbüchern, die in Form eines Readers die Deutsch-und Geschichtslehrerin Frau Christel Pullmann-Berndt zusammengestellt hatte und die im Unterricht eingesetzt werden konnten. – So wurde an diesem grauen Novembermorgen auf eindrückliche Weise ein Erinnern ermöglicht, das mehr war als nur ein ritualisiertes Gedenkenund das hoffentlich gegen ein „Unterlassen“ und Schweigen zu wappnen vermag, wenn „Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer Kultur, ihres Geschlechts diskriminiert und verfolgt werden.“ (Herr Zotz)

Ch. Pullmann – Berndt   12.11.2013