„Ihr sollt die Wahrheit erben“ – Zeitzeugengespräch

„Ihr sollt die Wahrheit erben“ – Zeitzeugengespräch

Anita Lasker-Wallfisch sprach zu Schülerinnen und Schüler der  Jahrgangsstufen 10 und 11 des Starkenburg-Gymnasiums Heppenheim

Am Montag, 14.07.14, hatten Schülerinnen und Schüler der  Jahrgangsstufen 10 und 11 die Möglichkeit, die Erfahrungen einer Überlebenden des Holocaust anzuhören und gleichsam mitzuerleben. Auf Einladung des Goethe-Gymnasiums in Bensheim war die hoch betagte, aber noch immer rüstige Dame zu einer Lesereise von London an die Bergstraße gereist, um zu Schülerinnen und Schülern an vier Bergsträßer Gymnasien zu sprechen. In ihrem beeindruckenden Vortrag schilderte Anita Lasker-Wallfisch ihre Erlebnisse ihrer Jugend, in der sie selbst in etwa das Alter ihrer jugendlichen Zuhörer hatte.

Aufgewachsen in einem ebenso gebildeten wie musikalischen Elternhaus in Breslau erlebte sie die aufkeimenden Ressentiments gegen jüdische Bürger bis hin zur Reichspogromnacht 1938. Während die älteste Schwester rechtzeitig nach England und am Ende des zweiten Weltkrieges nach Israel emigrieren konnte, scheiterten alle Versuche der restlichen Familie, ins Ausland zu emigrieren oder wenigstens die beiden jüngeren Töchter in Sicherheit zu bringen. Im Alter von 16 und 18 Jahren mussten sie und ihre Schwester Renate  die Deportation ihrer Eltern nach Auschwitz mit erleben. Sie sahen sie nie wieder.

Wenig später wurden auch die beiden Mädchen nach Auschwitz deportiert, inzwischen hatten sie gerüchteweise von den dort verübten Gräueltaten gehört, denen sie fortan selbst ausgesetzt waren, wie Frau Lasker-Wallfisch in eindrücklichen Worten schilderte. Ihr musikalisches Talent legitimierte sie dazu, als Cellistin in dem berühmten Mädchenorchester von Auschwitz zu spielen, was ihr letztlich das Leben rettete. Die Musiker mussten zum täglichen Arbeitsantritt und zur Beruhigung neu angekommener Lagerinsassen Märsche spielen und wurden Besuchern vorgeführt, um zu Propagandazwecken zu demonstrieren, welche guten „Freizeitangebote“ den Häftlingen von der Lagerleitung gewährt wurden.

Von Beginn an wurden die beiden Mädchen Zeugen von Massenerschießungen und Vergasungen ihrer Leidensgenossen. „Auschwitz war damals die reichste Stadt der Welt – doch entkommen konnte man dort nur durch den Schornstein.“

1944 wurde sie mit ihrer Schwester ins KZ Bergen-Belsen überstellt, wo zwischen 3000 und 4000 Häftlinge eingepfercht waren, obwohl das Lager eigentlich nur Platz für ca. 1000 Menschen bot. Entsprechend schnell breiteten sich Infektionserkrankungen, wie Typhus, aus, und „die durch Hunger und Auszehrung geschwächten Menschen starben wie die Fliegen“. Die Mädchen waren dazu verpflichtet, die Leichen mit eigener Kraft in Massengräber zu transportieren und wurden Zeugen unvorstellbaren Grauens.

Endlich im April 1945 wurde das Lager von englischen Truppen befreit, doch für die Insassen gab es keinen Plan, denn sie konnten ja nicht nach Hause geschickt werden. Sie wurden zu Displaced People erklärt, über deren weiteres Schicksal die englische Besatzungsmacht verfügte. Die letzten Insassen mussten noch bis 1953 im Lager verbleiben und starben teilweise noch dort, bevor ihnen eine neue Heimat zugewiesen werden konnte.

Anita und Renate Lasker konnten nach England emigrieren, wo sie ihre Schwester noch vor ihrer Emigration nach Israel wieder trafen.

Das Cellospiel wurde Anitas Beruf, und sie war bis zum Ende ihrer Berufstätigkeit Mitglied des berühmten English Chamber Orchestra in London. Eine Konzertreise nach Deutschland führte sie zurück nach Bergen-Belsen, wo sie beschloss, in den Nachkommen  der Nationalsozialisten zuerst den Menschen zu sehen und ihre Geschichte der Nachwelt zu vererben. Doch die Hoffnung, dass die Menschen fähig sind, aus der Geschichte zu lernen, hat sie nicht.

Stattdessen mahnte sie ihre Zuhörer, wachsam zu sein und allen Anfängen rassistischen und menschenverachtenden Gedankenguts mit Zivilcourage und Verantwortungsbewusstsein entgegen zu treten.