Frauenknast, Stasi-Untersuchungshaft

Frauenknast, Stasi-Untersuchungshaft

Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR: Kerstin Gueffroy, Rocco Holler, Jutta Fleck und Manfred Migdal berichteten Schülern des Heppenheimer Starkenburg-Gymnasiums über ihre Erlebnisse.

Sie haben schier Unfassbares erleiden müssen in DDR-Kinderheimen, die ihren Namen nicht verdienen, in der Stasi-Untersuchungshaft, in Gefängnissen wie dem berüchtigten Frauenknast auf der Burg Hoheneck. Doch Jutta Fleck, Kerstin Gueffroy, Rocco Holler und Manfred Migdal verdrängen ihr Martyrium nicht, sondern reden darüber – wie am Dienstag und am Mittwoch im Starkenburg-Gymnasium.

25 Jahre Mauerfall – ein Jahrestag, der für die Schüler der Sekundarstufe II am Starkenburg-Gymnasium an ein Ereignis erinnert, das ihnen zwar aus Film und Fernsehen geläufig ist, das sie aber nicht aus eigener Anschauung kennen. Auch den anderen deutschen Staat haben sie nicht mehr selbst erlebt. Anlass genug für Geschichtslehrerin Andrea Herlitze und Fachbereichsleiterin Christiane Wüstner, vier Zeitzeugen Gelegenheit zu geben, vom Unrecht, das ihnen unter der Herrschaft von Hammer und Sichel widerfahren ist, zu berichten. Denn, das hatte auch Schulleiter Bernhard Zotz betont: „Das ist unsere Vergangenheit, und mit der müssen wir uns auseinandersetzen.“

„Menschen, die einer Diktatur die Stirn bieten, sind Botschafter für Freiheit und Demokratie“, weiß Jutta Fleck. Als sie noch Jutta Gallus hieß, war sie 1984 die „Frau vom Checkpoint Charlie“, 2006 erschien das von Ines Veith geschriebene Buch über den Kampf der Mutter um ihre Töchter Claudia und Beate, 2007 wurde ihr Schicksal verfilmt. Jutta Fleck lebt heute in Wiesbaden und arbeitet als Leiterin des Schwerpunktprojekts „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Sie wirbt weitere Zeitzeugen und setzt sich mit ihnen bei Veranstaltungen wie jetzt am Starkenburg-Gymnasium dafür ein, die Erinnerung wach zu halten, die Wahrheit aufzudecken über ein totalitäres System, in dem der Wunsch nach Freiheit als Verbrechen geahndet wurde.

Auch Jutta Fleck wollte nur ein verbrieftes Menschenrecht in Anspruch nehmen und das Land, in dem sie geboren wurde, verlassen. Als ein Ausreiseantrag nichts fruchtete, entschloss sie sich 1982, mit ihren Töchtern über Rumänien und Jugoslawien nach Österreich zu fliehen. Doch der Versuch ging schief – wie sie nach 1989 erfuhr, hatte es im Umfeld ihrer Familie, die im Westen lebte, einen Stasi-Spitzel gegeben, der Wind von dem Plan erhielt und das Vorhaben seinen Vorgesetzten mitteilte.

Drei Jahre Freiheitsstrafe für Fleck auf Burg Hoheneck, gemeinsamer Strafvollzug mit Schwerstkriminellen, Arbeitsverweigerung („Für den Staat wollte ich nichts mehr tun“), Einzelhaft „in Absonderung“ in einer Zelle, die bei weiterem Ungehorsam geflutet werden könnte: „Ich war absoluter Willkür ausgeliefert und musste einen Weg finden, das durchzuhalten.“

Nach 21 Monaten wird sie freigekauft, um einen hohen Preis: Sie muss sich damit einverstanden erklären, ihrem Ex-Mann, dem die Kinder nach ihrer Verhaftung anvertraut worden waren, das Erziehungsrecht zu übertragen. Aber Jutta Fleck ist sicher, vom Westen aus ihre Kinder nachzuholen. Sie stellt sich ab 4. Oktober 1984 an den bekannten Berliner Grenzübergang, tritt in den Hungerstreik, redet mit führenden Politikern, reist nach Rom, übergibt auf dem Petersplatz Papst Johannes Paul II. eine Petition und schafft es 1986 sogar ans Rednerpult im Reichstag zur im Fernsehen übertragenen Gedenkfeier an den 25 Jahre zurückliegenden Bau der Mauer. „Ich hatte Angst, unbeschreibliche Angst“, erinnert sie sich im Buch von Ines Veith, „aber gleichzeitig das Gefühl, getragen zu werden. Irgendeine Kraft lenkte mich“.

Und so entrollt sie ihr Transparent vor den Augen eines Millionenpublikums: „Keine großen Sprüche – vier Jahre Trennung von meinen Kindern sind genug“. Sechs Jahre sollen es indes werden, bis die drei wieder vereint sind. Claudia und Beate haben die ganze Zeit, trotz aller Repressalien, zu ihrer Mutter gehalten.

Wie sie diese Zeit verarbeitet habe, war eine der vielen Fragen, die die Schüler im Anschluss stellten. „Es kommt immer noch vor, dass ich nachts Albträume habe und schreie“, sagte Jutta Fleck. „Aber es hilft mir, wenn ich von meinem Schicksal erzähle.“ Und so geht es auch den anderen drei Zeitzeugen, die schon am Dienstag ausführlich berichtet hatten und am Mittwoch noch einmal Rede und Antwort standen.

Mit sechs Jahren in staatliche „Fürsorge“

Kerstin Gueffroy, die wegen angeblicher Verhaltensauffälligkeiten mit sechs Jahren in staatliche „Fürsorge“ kam und fast fünf Monate im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau zubringen musste, schilderte in eindringlichen Worten die Nacht in der Dunkelzelle: „Panik steigt hoch, bevor du anfängst irre zu werden, musst du etwas tun“ – sie singt laut an gegen die Totenstille und memoriert den zuvor verschmähten Goetheschen „Osterspaziergang“. „Ich weiß bis heute nicht, wie ich das geschafft habe, ich hatte das Gedicht nur einmal kurz angeschaut und dann weggelegt.“ Rocco Holler stand vor allem wegen Schulbummelei („In meinen Zeugnissen waren keine Fehltage eingetragen, aber irgendwie musste man wohl fertig werden mit einem nicht angepassten, rebellischen Jungen“) im Spezialkinderheim für Schwererziehbare in Eisenach Zwangsarbeit, Prügel, Entwürdigung und Strafen aus nichtigem Anlass durch und kann das bis heute nicht vergessen.

Der Berliner Manfred Migdal kam schon mit neun Jahren das erste Mal in ein Kinderheim, reißt mit 15 aus dem Jugendwerkhof Hummelshain aus und flüchtet in den Westteil der Stadt. Just einen Tag vor dem Mauerbau, einer Nacht-und-Nebel-Aktion, besucht er seine Mutter im Osten, übernachtet noch bei ihr: „Da bin ick in die Falle gelatscht“, resümiert er, seine „Schippe Humor“ im Herzen: „Das war ein Risiko, das hab ich mir selbst eingebrockt, aber so war’s. „Das kostet Migdal zehn Jahre Gefängnis, und dennoch: „Ich würde das alles immer und immer wieder tun, weil die Freiheit das wichtigste ist.“

Quelle: Echo-Online