Vor dem Abi ein bisschen Realpolitik

Vor dem Abi ein bisschen Realpolitik

STARKENBURG-GYMNASIUM Hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion der 12. Klassen zum Thema Flüchtlinge

HEPPENHEIM – Kleine und große Politik zum Anfassen: Das gab es bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Flüchtlinge, die am Montagmorgen in der Aula des Starkenburg-Gymnasiums über die Bühne ging.

Genau eineinhalb Stunden hatten rund 100 Schülerinnen und Schüler der 12. Klassen des Heppenheimer Starkenburg-Gymnasiums am Montagmorgen Zeit, sich über Flüchtlingspolitik von Bund, Land, Kommunen, aber auch Bemühungen von Helfern vor Ort zu informieren. Die Gästeliste der Podiumsdiskussion in der Aula des Gymnasiums, die traditionell vor dem Abitur veranstaltet wird und aktuelle gesellschaftspolitische Themen aufgreift, war hochkarätig und deckte alle Entscheidungsebenen ab. Auf dem Podium saßen der CDU-Bundestagsabgeordnete und Staatssekretär Michael Meister, der SPD-Landtagsabgeordnete Norbert Schmitt, der Kreisbeigeordnete Matthias Schimpf (Grüne), Bürgermeister Rainer Burelbach und Jürgen Müller von der Flüchtlingshilfe Heppenheim.

926 SCHÜLER
(jr). Das Starkenburg-Gymnasium hat 82 Lehrer und derzeit 926 Schüler, mehr als zehn Prozent davon mit Migrationshintergrund. Es gibt ein kostenloses Ganztagesangebot durch Lehrkräfte, die beim selbstorganisierten Lernen helfen. Mensa und Cafeteria sind neu gebaut.

Begrüßt wurden die Gäste von der für den Fachbereich Gesellschaftswissenschaften zuständigen Lehrerin Christiane Wüstner, moderiert wurde die Diskussion von den Schülern Hendrik Dames, Celine Ensinger und Kai Höfle, die dafür sorgten, dass ein breites Spektrum rund um das Thema Flüchtlinge abgedeckt werden konnte. Deutlich wurde in der Diskussion, dass Politiker und der Sprecher der Flüchtlingshilfe gar nicht so weit auseinanderliegen, wenn es um den Umgang mit den Flüchtlingen geht. Allerdings zeigte sich ein gravierender Unterschied darin, auf welcher Ebene agiert wird: Während sich der Bundespolitiker Meister beispielsweise vornehmlich Gedanken darüber macht, wie man den Flüchtlingszustrom generell und „europäisch“ stoppen oder wenigstens stark reduzieren kann, und der Landespolitiker Schmitt überlegt, wie man die Kreise, Städte und Gemeinden finanziell aus ihrer Notlage befreien kann, wollen Kommunalpolitiker wie Schimpf oder Burelbach erst einmal die akuten Probleme vor Ort lösen und zweifeln stark an einer europäischen Lösung. Europa, so Schimpf, „ist als soziale Gemeinschaft gescheitert.“

Plädoyer für Lösung der Probleme vor Ort

Problemlösung vor Ort: Die, wurde in der Aula deutlich, hält auch der Bundestagsabgeordnete für die oft bessere Herangehensweise. Und dass gerade hier vieles zu machen ist, wenn nur die Bürokratie keine Steine in den Weg legt, konnten die angehenden Abiturienten von Schimpf wie Burelbach, nicht zuletzt auch von Müller hören. Es sind vor allem Sprachprobleme, die den Flüchtlingen den Weg auf den deutschen Arbeitsmarkt versperren, aber nicht nur die. Neben denen, die schon in ihrem Herkunftsland eine anspruchsvolle Ausbildung erhalten oder wenigstens begonnen haben, gibt es die, so Schimpf, die „komplett alphabetisiert“ werden müssten. Nicht mehr als zehn Prozent der Flüchtlinge, schätzt er, sind auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar, die anderen 90 Prozent werden die Sozialsysteme auf Jahre belasten. Und bezahlbare Wohnungen brauchen, die schon jetzt in hohem Maße fehlen und auch bei Deutschen mit niedrigem Einkommen begehrt sind.

Es wird also nicht leicht, gegen Vorurteile anzugehen, die trotz deutlich zurückgegangener Flüchtlingszahlen bestehen und nicht zuletzt in den sogenannten sozialen Netzwerken verbreitet werden. Jürgen Müller war in die Podiumsdiskussion eingestiegen mit der Benennung einer ganzen Flut von Vorurteilen, die im Internet herumschwirren; er war es auch, der die Schüler aufforderte, sich nicht nur über Facebook informieren zu lassen, sondern alle Informationsquellen zu nutzen, die zur Verfügung stehen. Er erinnerte auch an die tragischen Schicksale, die hinter jedem Flüchtling stehen und die bei der Masse der Betroffenen leicht in Vergessenheit geraten. Jeder Einzelne könne seinen Teil dazu beitragen, dieses Schicksal zu erleichtern – und wenn es nur ein Lächeln ist, das man den Menschen schenkt.

(c) Echo Online 03.05.16