Jugendliche befassen sich im städtischen Museum mit dem Holocaust und der Geschichte Heppenheimer Juden

Jugendliche befassen sich im städtischen Museum mit dem Holocaust und der Geschichte Heppenheimer Juden

„Das ist wirklich abartig, was da geschrieben steht.“ Manuel, Schüler der 9 a des Heppenheimer Starkenburg-Gymnasiums, blättert kopfschüttelnd in den nationalsozialistischen Gesetzen und Maßnahmen gegen Juden. Seine Alterskameraden sind grüppchenweise im Museum verteilt.

Hier begutachten welche die Jacke mit dem aufgenähten Judenstern. Dort betrachten andere einen Film über die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Das Getuschel verstummt ganz schnell. Die Schüler sind ganz offensichtlich sehr beeindruckt von den Bildern und den Menschen, die zu Wort kommen. Wer das Gezeigte nicht ertragen konnte, der durfte jederzeit den Raum verlassen.

Schulunterricht einmal anders

Die Mädchen und Jungen des Gymnasiums waren am Donnerstagmorgen gemeinsam mit ihrer Geschichtslehrerin Anna Kistenbrügger und deren Kollegin Nora Sinn im Museum zu Besuch, um sich mit dem Thema Holocaust einmal nicht nur im Klassenzimmer zu beschäftigen. Es ist bereits das zweite Mal, dass man diesbezüglich zusammengearbeitet hat.

Vier Stunden waren die Schüler mit einer Stationenarbeit beschäftigt. Allgemeine Informationen zur Judenverfolgung gab es ebenso wie den direkten lokalen Bezug. So lernten sie unter anderem, dass zwischen 1933 und 1945 133 Juden in Heppenheim wohnten. 76 von diesen wanderten aus, 22 wurden deportiert und starben im KZ. Die meisten Einheimischen, so erfährt man im Museum, hätten diese Tatsachen seinerzeit verdrängt. Nur wenige hätten zu helfen versucht. Kopfschütteln darüber. Unverständnis.

Viele Bilder im Museum dokumentieren auch die Pogromnacht am 10. November 1938, als auch die Heppenheimer Synagoge in Flammen aufging. Zwischen 1947 und 1949 wurden elf Hauptbeteiligte an den Übergriffen zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Geschichtsunterricht einmal anders – das kommt bei Lehrern, Schülern und auch bei Museumsleiter Ulrich Lange gleichermaßen gut an. Beide Seiten, Museum und Gymnasium, sind ausgesprochen dankbar für die Zusammenarbeit.

„Anschaulich und begreifbar“ werde Geschichte auf diese Weise, unterstreicht Lange. Anna Kistenbrügger hat während des Unterrichtes festgestellt, dass die Neuntklässler in Sachen Konzentrationslager und Deportation recht gut informiert seien. Doch über die Anfänge wüssten nur wenige Bescheid.

Wie konnte das passieren? Eine Frage, die viele Jugendliche immer wieder stellen. Eine Frage, die heute aktueller ist, denn je. Ulrich Lange verwies auf „geistige Brandstifter“ wie den Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke, der einst als Geschichts-Referendar in Bensheim unterrichtete und mit seiner Rede in Dresden viele schockiert hat.

Manchmal, so der Museumsleiter, fühle er sich dieser Tage in schrecklicher Weise an die Zeit der Weimarer Republik erinnert. Ein Mädchen formulierte seine Ängste: „Ich habe schon oft Angst, dass das, was damals mit den Juden passiert ist, mal mit Migranten und Flüchtlingen geschieht. Und dass gegen die vorgegangen wird, die sich für diese Menschen einsetzen.“

Die Parallelen zur heutigen Zeit beleuchtet Anna Kistenbrügger im Politik- und Wirtschafts-Unterricht. Es sei ein Glücksfall, dass sie die Klasse auch in diesem Fach unterrichte, so dass man nicht nur den historischen Hintergrund betrachten, sondern auch den Bezug zu heute herstellen könne.

Fachbereichsleiterin Christiane Wüstner weiß, dass es für die Mädchen und Jungen eine ganz andere Motivation ist, sich im Museum auf die Spuren der Geschichte zu machen, als immer nur Quellen im Unterricht zu analysieren. Sie lobte ausdrücklich das sehr gut aufbereitete Material, das zur Verfügung gestellt werde.

Außerschulische Lernorte seien gerade in Geschichte fast wichtiger als der schulische Unterricht, findet sie. Geschichte müsse (be-)greifbar gemacht werden.

(c) Echo Online 27.01.17