Letzter Vorhang für Theatergruppe LiZi

Letzter Vorhang für Theatergruppe LiZi

HEPPENHEIM – Was tun, wenn ein Theaterstück nur für vier Rollen geschrieben ist, jedoch acht Schauspieler mitwirken wollen? Ganz einfach: Man schreibt selbst einen Prolog dazu – und schafft damit einen faszinierenden Kontrapunkt zum eigentlichen Stück, nimmt auf diese Weise jeden Zuschauer mit. So geschehen bei der Inszenierung von LiZi, der Theatergruppe des Heppenheimer Starkenburg-Gymnasiums.

So bravourös und mitreißend die Aufführung auch diesmal wieder war, so fassungslos lässt es die Fangemeinde der Truppe zurück. Was im vergangenen Jahr bereits angedeutet wurde, bewahrheitet sich: Es ist die letzte Inszenierung von Erich Henrich und LiZi. Damit endet eine Tradition, die in den 1980er Jahren begann. Bleibt zu hoffen, dass sich irgendwann eine neue, ebenso kreative und vielversprechende Theatergruppe am Starkenburg-Gymnasium formieren wird.

Keine leichte Kost ist es, die LiZi an diesem Mittwoch um 19.30 Uhr zum allerletzten Mal auf die Bühne der Aula bringt: „Geschlossene Gesellschaft“ heißt das Stück aus der Feder des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean-Paul Sartre. Es ist eines der bedeutendesten Stücke des Existenzialismus und führt die Zuschauer direkt in die Hölle.

Der Prolog kommt auf leichten Füßen

Und dort startet auch der selbstverfasste Prolog. Und der kommt gar nicht existenzialistisch daher, eher leichtfüßig und komödiantisch, aber durchaus auch nachdenklich, mit einigen satirischen Spitzen. Und so kamen alle Schüler zum Zuge, die auftreten wollten. Eine ebenso geniale wie amüsante Idee.

Die Figuren aus Sartres Hölle wurden um zwei weitere Kellner, einen besserwisserischen Praktikanten und eine überkandidelte Lyrikerin ergänzt. Gemeinsam mit Kellner Nummer eins, der auch später im Stück mit von der Partie ist, bereiten sie den Boden für die als ernste Satire daherkommende Sartre-Darbietung. Kaum begonnen, kam das Publikum bei der Premierenvorstellung aus dem Lachen kaum noch heraus. In der karg, aber ausdrucksvoll gehaltenen Kulisse philosophieren Menschen dort, wo einst das Fegefeuer wütete, der „Chef“ – auch als Teufel bekannt – jedoch mit der Zeit ging und alles nun „clean“ und „cool“ haben möchte. Ascheregen, Feuer? Um Himmels willen – nein! Auch vom „betörenden Schwefelgeruch“, von Schreien gequälter Kreaturen keine Spur. „Ach“, seufzt da der Kellner, „früher war alles besser“. Doch egal wie kühl und sauber es auch ist, dort unten in der modernen Hölle: Die Menschen, die dort „einziehen“, brauchen kein Fegefeuer, um sich gegenseitig die Hölle heiß zu machen.

Roman Mikhlin, Tamara Schön und Franziska Lenz glänzen in ihren Rollen als Kellner der Hölle – mit Fliege und Anzug und stets der guten alten Zeit hinterher trauernd.

Dazu verdammt, einander Teufel zu sein

Herrlich auch die überkandidelte Lyrikerin alias Katharina Vieth, die sich zunächst ihrem plötzlichen Ableben zu widersetzten versucht. Dann aber besteht sie auf einem Zimmer mit dem Dichter Rimbaud – doch der wohnt schon in einer Dreier-WG mit Marilyn Monroe und Falco. Die Aussicht, sich stattdessen zu Goethe und Amy Winehouse zu gesellen, hat jedoch auch etwas für sich. Auch Dominik Serdani in der Rolle des Höllen-Praktikanten bekommt zurecht Szenenapplaus. Herrlich, wie er das Besserwissen ausreizt.

Dann das eigentliche Stück. Die Lachtränen versiegen. Immer wieder kriecht Gänsehaut über den Rücken angesichts der Wahrheiten und Erkenntnisse, die man erfährt. Auf der Bühne erscheinen nach und nach drei Menschen, die sich unvermittelt in der Hölle wiederfinden. In der modernen Hölle. Ein Raum. Drei Stühle. Keine Spiegel. Schwarze Bilder. Bilder, über die man im Prolog noch Witze riss – mit einem Mal sind sie Sinnbild von Dunkelheit und Verdammnis.

Zwei Frauen, die reiche Estelle – eine fantastische Marie-Sophie Mannsmann – und die Postangestellte Inès – eine bravourös spielende Lena Koch – sowie der Journalist Garcin – ein herausragender Alexander Röhrig – treffen aufeinander. Bald schon erkennen sie, wo sie sind und dass sie dazu verdammt sind, einander Teufel zu sein, sich zu quälen.

Nicht nur gegenseitig, sondern jeder auch sich selbst. Und so langsam erwächst in jedem die Erkenntnis, warum er an diesen Ort geraten ist. Bezeichnend der Satz von Inès: „Wir sind bis zum Ende allein zusammen.“

(c) Echo Online