Die Rede für unsere Abiturienten 2017

Die Rede für unsere Abiturienten 2017

Liebe Eltern, liebe Gäste,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

bevor wir euch gleich das lang ersehnte Reifezeugnis überreichen, ist es sicherlich ein guter Zeitpunkt, noch einmal kurz innezuhalten und zu fragen, ob wir euch mit unserem gymnasialen Bildungsangebot eigentlich einen Gefallen getan haben. Wie hilfreich sind die Dinge, die wir euch beigebracht haben, in eurem künftigen Leben? Wie zeitgemäß ist diese Institution eigentlich? Und ich meine damit nicht die Ausstattung mit Laptop und Smartboard. Die Anwesenheit vieler Geräte allein reicht ja bekanntlich nicht aus, um guten Unterricht zu machen. Wie sinnvoll ist es, dass ihr Goethes „Faust“  und Shakespeare lesen musstet, euch mit Immanuel Kant beschäftigt habt oder mit Geschichte und Geschichten, die weniger mit der Welt, in die ihr nun gehen werdet, zu tun haben, als je zuvor? So scheint es zumindest.

Die Welt, unsere Gesellschaft haben sich massiv verändert, seit ihr auf der Welt seid. Ihr wart erst wenige Jahre alt, als in New York die Türme einstürzten; die Weltwirtschaftskrise einige Jahre später hat möglicherweise auch eure eigenen Familien getroffen; terroristische Anschläge zogen in das Leben unserer Gesellschaft ein; ein Barack Obama wurde gewählt – und direkt danach ein Donald Trump; Großbritannien ist dabei, die EU zu verlassen; viele von uns haben vor einigen Wochen mit beinahe ängstlicher Spannung auf das Ergebnis der Wahlen in Frankreich gewartet. Und viele ahnen auch für die kommenden Wahlen in unserem Land nichts Gutes.

All dies sind Entwicklungen und Veränderungen, die schwer vorherzusehen waren und man darf sich fragen, ob wir hier drinnen noch die richtigen Inhalte vermitteln angesichts der Welt da draußen.

Die Institution Schule ist in ihrer Natur schwerfällig und träge; sie verändert sich nur langsam, wenn die Menschen in ihr sich nicht verändern. Jahrzehntelang stehen dieselben Dinge auf dem Lehrplan und in regelmäßigen Wellen werden Forderungen laut, doch endlich mal etwas zu reformieren. Zukünftige Arbeitgeber wünschen sich Auszubildende, die Ahnung von dem haben, was in Betrieben gebraucht wird, fordern mehr praktisch-anwendbares, verwertbares Wissen; die Wirtschaft fordert, dass wir euch den schnellen Veränderungen entsprechend ausbilden. Passen Goethe und Shakespeare da noch ins Programm?

Als Deutsch- und Englischlehrerin liegt mir Sprache am Herzen. Aber nicht nur mir, sondern allen Kolleginnen und Kollegen ist es ein Anliegen, dass ihr diese Schule verlasst und euch ausdrücken könnt, dass ihr eure Gedanken formulieren, aber auch, dass ihr zuhören könnt.

Tatsächlich scheint dieses Bildungsziel gerade ziemlich aus der Mode zu kommen. Noch in der Generation eurer Eltern stellte sich ein öffentlicher Diskurs gänzlich anders dar als heute. Politiker standen dazu hinter dem Mikrofon eines Parlaments oder auf einer Pressekonferenz und sagten für alle hörbar, was sie zu sagen hatten.

Heute reden Staatsoberhäupter nicht mehr nur öffentlich; sie bloggen und hashtaggen und whatsappen; sie zwitschern mehrfach täglich aus einem halb-privaten Zwischenraum heraus, von dem man nie genau sagen kann, spricht jetzt gerade der amerikanische Präsident oder der kleine private Donald, und sie behaupten zusätzlich auch noch, dass dies viel wirkungsvoller sei als öffentliche Pressekonferenzen, auf denen sie eh nur falsch verstanden würden. Sie hauen alle paar Stunden ihre 140 Zeichen raus – was gemessen an der durchschnittlichen Länge einer Comicsprechblase aus Entenhausen geradezu beredt erscheint. Aber es spricht eben nicht Donald Duck, sondern Donald Trump. Obgleich ich zugeben muss, dass ich Mühe hätte zu entscheiden, wer von beiden sich einer komplexeren Sprache bedient. – Auf Kritik und Angriffe reagieren jedenfalls beide wie pubertierende Achtklässler – nur deutlich weniger gelassener

Was aber passiert mit Menschen und Bürgern, die sich auf die Verbindlichkeit sprachlicher Äußerungen nicht mehr verlassen können? Wenn das gedruckte Wort, das seit Gutenberg so hoch im Kurs stand, das die Aufklärung und gesellschaftspolitische Entwicklungen über Jahrhunderte ermöglicht hat, wenn das öffentlich geäußerte Wort jederzeit „gefaket“, verdreht und zurückgenommen werden kann? Und zwar nicht im Rahmen einer Ironisierung, einer Satire, sondern im öffentlichen Leben? Und was passiert mit jungen Menschen wie euch, wenn ihr euch auf das, was erwachsene Menschen sagen, nicht mehr verlassen könnt? – Werden zukünftige Schülergenerationen mir sagen: „Mehr schreiben? Meine Worte bewusst wählen? Wozu? Selbst der amerikanische Präsident regiert die Welt mit wenigen Worten. Und gucken sie sich mal seine Ausdrucksweise auf Twitter an! So bad …“ Und was soll ich dann antworten? „Na ja, du bist aber auch nicht der Präsident der Vereinigten Staaten, du kannst dir sowas nicht erlauben“?

Sprache war und ist immer im Wandel. Aber in letzter Zeit verliert sie an Zuverlässigkeit. Die Verbindlichkeit von Wörtern, von Sprache zerfällt vor unseren Augen; ihre Bedeutungen glitschen uns durch die Finger. Anfang der 90er Jahre schrieb Erhard Eppler, ein Politiker, der sich immer wieder mit Politik und Sprache beschäftigt hat:

„Politik vollzieht sich in Sprache. Wo Sprachlosigkeit beginnt, hört Politik auf. Daher bedeutet Sprache für Politiker etwas anderes als für Chirurgen oder Fußballer. (…) In (der Politik) läßt sich nicht säuberlich unterscheiden zwischen Reden und Tun, weil das Reden sehr wohl Handeln bedeutet. (…) Ein einziges unbedachtes Wort eines Kanzlers kann die auswärtigen Beziehungen auf Jahre hinaus belasten. Und wenn eine politische Sprache die Menschen nicht mehr erreicht, dann trifft dies die Politik in ihrem Kern.“

Eppler konnte nicht vorhersehen, welch entscheidende Rolle soziale Netzwerke einmal auch in der Politik einnehmen würden. Aber heute, 25 Jahre später, müssen wir feststellen, dass eine endlose Flut an Sprachmitteilungen die Sprachlosigkeit eher noch größer macht.

Wenn Politiker sich entscheiden, ihre eigenen Worte vom Vortag nicht mehr ernst zu nehmen, an dem Volk, das sie gewählt hat, vorbeizureden oder bewusst Lügen zu verbreiten, hat unsere Demokratie ein Problem, denn sie braucht Wahrhaftigkeit, Zugewandtheit, Verantwortungsbewusstsein und die Einladung zum Zuhören und Antworten. Sie braucht keinen Zynismus, keine Geschäftstüchtigkeit, keinen Egoismus und keinen falschen Nationalismus. Halbwahrheiten und Lügen, Propaganda und Manipulationen waren immer schon Teil der Politik. Verändert hat sich, dass diese Strategien immer frecher daherkommen und wir gegen unbedacht oder bewusst diskriminierende Äußerungen langsam abstumpfen.

Das zeigt sich aber auch unterhalb der Ebene großer Politik, das zeigt ihr Schüler uns täglich und wir tun gut daran, dies nicht nur zu verurteilen, sondern stattdessen mit euch zu lernen. Aber – auch ihr tut gut daran, behutsam und vorsichtig auf eure Sprache zu schauen. Sprache ist Handlung und kann tief verletzen. Das kommt bei den schnellen und kurzlebigen Kommunikationswegen heute oft viel zu kurz. Der Satz „Ey, das war doch nur’n Scherz, jetzt entspann dich mal“ scheint mir sehr inflationär gebraucht zu werden.

Die Flut an Nachrichten, die ihr jeden Tag austauscht, ist endlos. Manchmal wacht ihr morgens auf und habt 100 neue Nachrichten auf dem Handy und während eines gemeinsamen Abendessens von einer Viertelstunde trällern die einfliegenden WhatsApp-Nachrichten die Familienmitglieder in den Wahnsinn, jedenfalls die älteren.

Und natürlich führen neue Medien auch zu neuer Sprache, einer Sprache, die für uns „Alte“ manchmal kaum nachvollziehbar ist. Was vor 20 Jahren nicht mal im engsten Freundeskreis geäußert werden durfte, scheint heute Alltagsvokabular zu sein. Manchmal ist für mich nur schwer erkennbar, wie eure Worte gemeint sind. Der Ton ist oft rau, beleidigend, abwertend oder schlicht gar nicht verständlich. Wenn ich Auszüge aus Chats lese, dann muss ich feststellen, dass ich nicht immer zuverlässig entschlüsseln kann, was gemeint ist. Ich zucke bei vielen Begriffen immer noch zusammen.

Ich möchte Ihnen drei Beispiele nennen – und entschuldige mich vorab ausdrücklich für einige Vokabeln; es sind alles Zitate:

Erstes Beispiel – ein Wortwechsel aus einem Chat:

Frage: „Ey, du Opfer, geh’n wir heute schwimmen?“ –

Antwort: „Klar, Bitch, hdgdl.“

Liebe Eltern, könnten Sie alle auf Anhieb erkennen, dass es sich um die zärtlichen Worte unter besten Freunden handelt? – „Opfer“ und „Bitch“, das sind Ausdrücke, die wir nicht leicht über die Lippen bringen, weil wir die Worte anders gelernt haben, sie anders „fühlen“.

Zweites Beispiel: Als ich vor kurzem mächtig sauer auf eines meiner Kinder war und eine kräftige Moralpredigt losließ, wurde ich mit folgenden Worten ausgebremst:

„Ey, jetzt chill mal deine Base, Mann.“

Die Strategie war erfolgreich: Bis wir geklärt hatten, was das hieß, hatte ich leider vergessen, warum ich geschimpft hatte.-

Dem dritten Beispiel begegnete ich vor einigen Monaten auf der Straße. Eine Gruppe von Grundschülern ging einträchtig in Zweierreihen durch die Stadt. Das letzte Pärchen war in ein intensives Gespräch versunken und ich hörte, wie ein Mädchen zum anderen sagte:

„Und weißt du, wenn du mich dann likest, dann like ich dich auch.“ –

Was soll ich als Deutschlehrerin dazu noch sagen?

Sprachwandel kann witzig sein und Spaß machen. Und es kann entspannend sein, wenn man mit Humor an eine Sache herangeht. Aber dennoch bin ich der Ansicht, dass es gut ist, wenn wir an den Stellen, an denen es drauf ankommt, sorgfältig mit Sprache umgehen und ein gutes Vorbild für verbindliche Aussagen sind. Das gilt übrigens nicht nur für Politiker, das gilt auch für Lehrer und Lehrerinnen, und es gilt auch für euch.

Bei der Frage, ob wir noch zeitgemäß unterrichten, lohnt sich ein Blick ins hessische Schulgesetz, das in seinem Bildungs- und Erziehungsauftrag erstaunlich moderne und aktuelle Ziele nennt: die Erziehung zu politischer Teilhabe, zum Mitreden, zu aktivem Handeln, zur Öffnung in die Welt, zum Austragen und Aushalten von Konflikten, zu Toleranz anderen gegenüber und zu humanistischen Werten. Und übrigens steht dort auch Folgendes: „Die Schulen sollen die Schülerinnen und Schüler darauf vorbereiten, ihre Aufgaben als Bürgerinnen und Bürger in der Europäischen Union wahrzunehmen.“ Ich hoffe sehr, dass wir diesen Satz nicht irgendwann streichen müssen. Ich persönlich habe nie deutlicher gespürt, wie sehr ich mich als Europäerin fühle, als jetzt, da diese Selbstverständlichkeit ins Wanken gerät.

Von Dominique Moisi, einem französischer Politikwissenschaftler, stammen die Worte:

“Hoffnung ist das Vertrauen in die eigene Identität, in die Fähigkeit, auf positive Weise mit der Welt zu interagieren. Hoffnung ist das Gegenteil von Resignation, es ist eine Art Vertrauen, das uns auf andere zugehen lässt.“

Hoffnung und Vertrauen in die eigene Identität, um auf dieser Basis zuversichtlich und offen in die Welt gehen zu können – was für eine wunderbare Vision! Und das ist es, was Schule generell und gymnasiale Bildung im Besonderen heute sein sollte – und was diese Schule hoffentlich auch für euch sein konnte:

ein Ort, an dem man sich mit anderen austauschen muss und kann;

an dem neben Klausurenstress und Leistungsdruck auch noch Zeit bleibt, sich mit „unnützen“ Inhalten auseinanderzusetzen, eben: Goethe und Shakespeare zu lesen, eigene Haltungen zu entwickeln und dabei möglicherweise festzustellen, dass ihre Werke von erstaunlicher Aktualität und Modernität sind;

ein Ort, das Denken zu lernen; sich nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben bzw. auszuhalten, dass schnelle Antworten meistens keine Lösung bieten; dass 140 Zeichen eine Welt zwar ins Chaos stürzen können, sie aber nicht unbedingt besser machen.

Damit die Welt da draußen nicht aus den Fugen gerät, bedarf es Menschen wie euch, Menschen, die denken können und Stellung beziehen, die sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen, sondern auch bereit sind, andere wahrzunehmen und für ihre Positionen einzustehen.

Und diese Welt da draußen ist ab sofort auch eure Welt.

Im Namen aller Tutorinnen und Tutoren möchte ich euch ganz herzlich zum bestandenen Abitur beglückwünschen.

Wir wünschen euch Zuversicht, Sicherheit, Wagemut und Lust auf eure Zukunft!

Herzlichen Dank.

Katja Eicke