GenEthik-Tag am Starkenburg-Gymnasium

GenEthik-Tag am Starkenburg-Gymnasium

Schüler diskutieren mit Experten über Pränatale Diagnostik und Abtreibung

In einem fächerübergreifenden Projekttag der Fachschaften Biologie, Ethik und Religion beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 mit Methoden der Pränataldiagnostik und den ethischen Fragen, die sich im Falle der Feststellung eines  Gendefektes für werdende Eltern, Ärzte und professionelle Berater für Menschen in Konfliktsituationen ergeben.

Nachdem sie sich zunächst in kleineren Gruppen mit den biologischen und medizinischen Fakten und unterschiedlichen ethischen Positionen kritisch auseinandergesetzt hatten, diskutierten die Schüler mit einer kompetenten Expertenrunde aus der Praxis. Diese war besetzt mit Frau Dr. Hurst, Chefärztin der gynäkologischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Heppenheim, Frau Steffi Beckmann, Pfarrerin und Krankenhausseelsorgerin in Heppenheim, Frau Ina Maul, Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung beim Diakonischen Werk Darmstadt-Dieburg, sowie Frau Dr. Birgit Schulze, niedergelassene Fachärztin für Humangenetik in Mannheim und Mitarbeiterin einer Facharztpraxis für Pränataldiagnostik in Frankfurt.

In zahlreichen Fragen an die Expertenrunde wurde ein vielseitiges Interesse von Seiten der Schülerschaft deutlich: angefangen bei Beratungsangeboten in der Schwangerschaftskonfliktberatung, Möglichkeiten der Unterstützung und Förderung von Familien mit Neugeborenen und Kindern mit Behinderungen, medizinischen Fragen zum Schwangerschaftsabbruch bis hin zur Vision des „Designerkinds“, nutzten die Zuhörer im Publikum die breit gefächerte Fachkompetenz des Podiums.

Dabei wurde deutlich, dass keine der Expertinnen den Frauen oder Familien, die zu ihnen in die Beratung kommen, zu einer Abtreibung raten.  Im Vordergrund stehe immer der Wunsch, zu informieren und die Menschen weiter auf ihrem Weg zu begleiten. Insofern ende die Begleitung der Betroffenen nicht mit dem Tag des medizinischen Eingriffs. Diesen vorzunehmen, bekannte die Gynäkologin, fiele ihr bis heute noch immer schwer, doch sei sie als Ärztin an einem kommunalen Krankenhaus auch dazu verpflichtet, die Frauen in ihren Entscheidungen zu respektieren. Vielfach stelle sich dieses ethische Dilemma für Frauen, die bereits mehrere Kinder, ein behindertes Kind oder ein anderes Familienmitglied zu pflegen hätten, so dass sie mit einem weiteren, womöglich behinderten, Kind überfordert wären. Leichtfertig könne eine solche Entscheidung ohnehin nicht getroffen werden, denn dieses verbiete auch die sehr differenzierte Gesetzgebung in Deutschland, die genaue Vorgaben zum Beratungsweg und zur Verantwortung der beteiligten Ärzte enthalte.

Diskutiert wurde auch die Frage, inwieweit der Wunsch nach einem „perfekten Kind“, kombiniert mit einer deutlichen Verbesserung der diagnostischen Möglichkeiten, zu einem steigenden gesellschaftlichen Druck auf die betroffenen Eltern führen könne. Grundsätzlich zeichne sich ein statistischer Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche aufgrund der Diagnose „Trisomie 21“ jedoch bisher nicht ab. Die Humangenetikerin wies darauf hin, dass nur ein kleiner Teil von Erbkrankheiten durch pränatale Tests nachweisbar ist. Sofern die Diagnose bereits vor der Geburt feststehe, könnten diese Kinder in besonders gut ausgestatteten Kliniken entbunden werden, so dass ihnen sofort eine optimale medizinische Versorgung angeboten werden könne.

Viele Frauen würden sich gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, selbst wenn sie wüssten, dass bei ihrem Kind eine schwere Behinderung zu erwarten wäre oder es gar nicht lebensfähig sei.  Es sei ihnen wichtig, auch diesen Kindern einen Namen zu geben, sie zu beerdigen und angemessen trauern zu können. In Heppenheim gibt es daher ein Gräberfeld speziell für tot oder vorzeitig geborene sowie abgetriebene Babys, für die einmal im Jahr ein Trauer- und Gedenkgottesdienst abgehalten würde. Dabei zeige sich regelmäßig, dass viele Frauen teilweise auch noch viele Jahre nach einem durchgeführten Schwangerschaftsabbruch Schuldgefühle hätten und sich Fragen stellen würden, wie z.B. „Wie wäre mein Leben geworden, wenn ich mich damals anders entschieden hätte?“ oder „Mein Kind wäre jetzt in die Schule gekommen – was wäre es für ein Kind geworden?“.

Einigkeit bestand bei allen Experten dahingehend, dass es keine eindeutige Antwort auf die ethische Bewertung der Problemstellung gibt. Dafür sei die Thematik zu vielschichtig, und jeder Einzelfall stelle sich für alle Betroffenen anders dar. Letztlich habe die Gesellschaft mit zu entscheiden, ob sie den Prinzipien Perfektion, Leistung und Erfolg einen höheren Stellenwert einräume als der Vielfalt einer Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung als Bereicherung wahrgenommen würden. Dazu könne eine Veranstaltung wie diese einen wichtigen Beitrag leisten.

Zum Abschluss der Diskussion dankte Christiane Wüstner, Leiterin des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften, den Referentinnen für ihre Teilnahme sowie den Schülern Leonie Pfeiffer  und Björn Vaupel für die Moderation.

(SGH/Wü)