Erinnern für die Zukunft

Erinnern für die Zukunft

 „Es ist uns als Schule ein Anliegen, auch die Seiten der Geschichte ins Bewusstsein zu heben, die besonders dunkel sind.“ Katja Eicke, die kommissarische Schulleiterin des Starkenburg-Gymnasiums, fand am Freitag nachdenkliche Worte zu Beginn einer Veranstaltung für die Jahrgangsstufe 12 und einen Ethikkurs der neunten Klassen. Schüler und Lehrer gedachten gemeinsam der Ereignisse der Reichspogromnacht vor 80 Jahren.
Auch in Heppenheim hätten diese schrecklichen Ereignisse mitten unter den Menschen stattgefunden; Ereignisse, die das Startsignal dafür waren, dass zahlreiche jüdische Familien Heppenheim verlassen mussten. Das Erinnern an damalige Zeiten sei ein schwieriges Thema. Ist es einfach nur ein mittlerweile fast automatisch abgespulter Erinnerungsmarathon, der manch einen sagen lässt „Nicht schon wieder“ und geht er an der Realität der Schüler vorbei? Eicke und ihre Kollegen sind nicht dieser Meinung. Es sei ein Erinnern, Innehalten und Nachdenken, bestenfalls ein Erinnern für die Gegenwart, ein Erinnern für die Zukunft. 80 Jahre nach dieser Nacht solle man ein solches Gedenken zum Anlass nehmen, die eigenen Position zu überdenken.
Wie könne es sein, dass jüdische Mitbürger heute wieder mehr Angst haben müssten? Auch am Starkenburg-Gymnasium gebe es immer wieder einmal – oft unüberlegt ausgesprochene – antisemitische Witze. Eicke zitierte AfD-Mann Björn Höcke, der von „dämlicher Bewältigungspolitik“ gesprochen hat. Es seien die einfachen Antworten, die vermeintlichen Wahrheiten, die den Boden für rechtsextremes Gedankengut bereiten könnten. „Wer tief und komplex nachdenken kann, wer Spannung aushält“, sei „deutlich weniger anfällig“ für solches Gedankengut, forderte die Schulleiterin die Heranwachsenden auf, wachsam zu bleiben, für das, was um sie herum geschehe.
Katja Hoch rahmte die Lesung der vier Schüler mit zwei Songs ein: Zunächst intonierte sie „Oh Comely“ von Neutral Milk Hotel, am Ende ließ sie das selbst geschriebene Stück, ebenso eindringliche „Night Thoughts“ folgen. (rid)
Was in Heppenheim zur Zeit der Nationalsozialisten geschah, brachten die Schüler Julia Varycheva, Maxim Brückmann, Louisa Bender und Manuel Schütz aus dem Theaterprojekt Cargo ihren Schulkameraden eindringlich am Beispiel der jüdischen Familie Sundheimer näher.
Aus dem Leben der Familie Sundheimer
Als Grundlage ihrer Lesung diente ein Text des Vereins Stolpersteine Heppenheim. Vorbereitet hatte die Darbietung der ehemalige LiZi-Leiter Erich Henrich. Man erfuhr allerhand aus dem Leben der Familie, wie die Vorfahren 1875 nach Heppenheim gelangten und dort auf dem Großen Markt ein Ladengeschäft eröffneten, das Ida und Maier Sundheimer 1911 übernahmen. Fünf Kinder wurden den beiden geboren: Käthchen, Else Miriam, Gertrude, Ludwig und Eva. Mit den Nachbarn stand man in gutem Kontakt. 1933 dann der Einschnitt. Sundheimers wird das Geschäft genommen, das Haus an der Lehrstraße können sie vorerst noch behalten. Als sich abzeichnet, dass die Situation der Juden in Deutschland immer unsicherer wird, fliehen 1935 Käthchen und im Jahr darauf Gertrude nach Südafrika; 1939 gelingt Else die Flucht nach England. Der Kontakt der restlichen Familie in Heppenheim zu den Nachbarn bleibt bestehen – heimlich über die Gartenmauer hinter dem Haus.
Als 1938 die Heppenheimer Synagoge zerstört und abgebrannt wird, spitzt sich die Lage zu. Der Vater kommt für einige Zeit ins KZ Buchenwald, wird dort jedoch wieder entlassen, Ludwig verbringt zwei Monate im KZ Dachau. Noch kehren beide noch einmal zurück nach Hause. Ludwig findet man später auf der Namensliste der Zwangsarbeiter in den Heppenheimer Tongruben wieder. Eva, Ludwig und Maier werden im KZ ermordet.
Der eindringliche Vortrag berührte das Publikum. Auch als das letzte Wort gesprochen war, dauerte die Stille an.
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