Die Frau vom Checkpoint Charlie

Die Frau vom Checkpoint Charlie

30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist Jutta Flecks Vita noch immer Symbol für den Widerstand gegen die Diktatur in der DDR.

Der Kampf um ihre beiden Töchter in einem geteilten Deutschland hat Jutta Fleck (rechts) geprägt. Auch ihre Tochter Beate Gallus ist mit nach Heppenheim gekommen. (Foto: Sascha Lotz)

HEPPENHEIM – Geschichtsunterricht – das muss nicht nur Quellenanalyse und das Auswendiglernen von Daten und Fakten sein. Wer könnte die jüngere deutsche Geschichte Jugendlichen besser nahebringen als Zeitzeugen?

30 Jahre ist der Mauerfall mittlerweile her. Ein langer Zeitraum für die Schüler des Starkenburg-Gymnasiums, die im Frühjahr ihr Abi machen. Wie war es, in der DDR zu leben? Was bedeutete die Teilung der beiden deutschen Staaten für die Bevölkerung? Jutta Fleck und ihre beiden Töchter haben die Willkürherrschaft des DDR-Regimes am eigenen Leib gespürt. Als „Frau vom Checkpoint Charlie“ wurde sie bekannt, sogar als Vorlage für einen zweiteiligen Spielfilm diente ihr Schicksal. Checkpoint Charlie war einer der Berliner Grenzübergänge durch die Berliner Mauer zwischen 1961 und 1990. An der Ecke Friedrichstraße und Zimmerstraße erinnert der ehemalige Grenzübergang an den Kalten Krieg und das geteilte Berlin.

In der Aula des Heppenheimer Gymnasiums schilderte Fleck den angehenden Abiturienten ihre Geschichte. Sie hatte ihre Tochter Beate Gallus mit dabei. „Geschichte aus erster Hand“ – beeindruckend und mitreißend erzählt.

Den Film kannten einige der Schüler, doch ganz entspricht er nicht den Tatsachen. „Wir wollen heute unsere Geschichte erzählen, aber so, wie sie wirklich war“, begann Fleck. Doch zunächst gab es eine kurze filmische Einführung, Bilder vom Frauengefängnis, in dem zahlreiche politische Gefangene inhaftiert waren. Zeitzeuginnen berichteten von erschreckenden Haftbedingungen. Eine der Inhaftierten war Fleck, bevor sie nach 22 Monaten von der Bundesregierung auf Vermittlung des DDR-Rechtsanwalts Wolfgang Vogel freigekauft wurde. Doch wie kam es dazu?

Aufgewachsen ist Fleck in Dresden. Der Vater und andere Verwandte lebten im Westen. Viele Jahre durfte sie diese noch besuchen. Doch mit dem Mauerbau 1961 war das vorbei. In den 70er Jahren stellte sie einen Ausreiseantrag. Vergebens. 1982 schließlich, zu diesem Zeitpunkt war sie bereits geschieden und hatte zwei Töchter, nahm sie Kontakt auf zu einer Fluchthilfeorganisation. Doch der Versuch, über Rumänien in den Westen zu gelangen, scheiterte.

„Wir bitten Sie mitzukommen zur Klärung eines Sachverhalts.“ So lautet der Satz, mit dem sich das Leben der kleinen Familie von jetzt auf gleich in einen Albtraum verwandelte. Sie wurde verhaftet, von den Kindern getrennt.

„Und plötzlich war alles anders“, erinnert sich Tochter Beate. „Von einer Sekunde auf die andere hat sich unser Leben schlagartig verändert. Was kam? „Absolute Kälte. Emotionslose Gesichter. Schweigen.“ Daran erinnert sie sich bis heute. Ein halbes Jahr blieben die Kinder in einem Kinderheim, ohne persönliche Ansprache, ohne jede Liebe, später lebten sie beim Vater. Neun Jahre war Beate damals alt. Erst mit 15 sollte sie ihre Mutter wiedersehen. 1984 wurde Fleck freigekauft, im gleichen Jahr begann sie, um ihre Kinder zu kämpfen. Sie trat in den Hungerstreik, besuchte den Papst, demonstrierte immer wieder am Checkpoint Charlie. Zwei Jahre später können sich alle wieder in die Arme schließen.

„Beeindruckend. Spannend. Man kann es sich kaum vorstellen.“ So äußerten sich die Schüler zum etwas anderen Geschichtsunterricht. Teilweise wurde jedoch auch einige Längen in den Erzählungen kritisiert. Sechs Jahre ihres Leben auf 1500 Seiten Stasiakten hat die Familie 2008 nachgelesen. Die Erkenntnis, dass vermeintliche Freunde, nette Nachbarn Verräter waren, ließ auch die Jugendlichen nicht kalt. „Wir haben einen echt guten Eindruck bekommen vom Leben in der DDR“, so eine Schülerin abschließend. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist ihre Vita noch immer Symbol für den Widerstand gegen die Diktatur in der DDR.

(c) Echo-Online, 07.11.2019