„GenEthik“-Tag am Starkenburg-Gymnasium in Heppenheim

„GenEthik“-Tag am Starkenburg-Gymnasium in Heppenheim

Mit Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbrüchen haben sich die Schüler der 11. Klasse des Starkenburg-Gymnasiums in Heppenheim am Mittwoch unter dem Motto des „GenEthik-Tages“ beschäftigt. Neben den biologischen Grundlagen wurden verschiedene invasive und nichtinvasive Verfahren der Pränataldiagnostik behandelt. Außerdem haben sich die Schülerinnen und Schüler die rechtlichen Grundlagen und verschiedene politische Positionen zu dem Thema angeschaut. Im Rahmen von Gruppenarbeiten wurden ethische Positionen zum Thema Abtreibung im Falle eines Gendefekts entwickelt.
Im Laufe des Tages sind bei den Schülern viele Fragen aufgekommen und sie haben mittags die Möglichkeit, diese Experten in der Aula des Heppenheimer Gymnasiums zu stellen.
Auf der Bühne versammelt sind Birgit Schulze, Humangenetikerin, Till Mansmann, Bundestagsabgeordneter der FDP, Cordula Müller, Chefärztin der Gynäkologie im Kreiskrankenhaus Heppenheim und Ina Maul, Sozialpädagogin und tätig bei der Schwangeren- und Konfliktberatung. Moderiert wird die Podiumsdiskussion vom Elftklässler Nicolas Kalmar.
An Fragen mangelt es nicht. Manche sind einfach zu beantworten. Wie viele Frauen kommen ins Heppenheimer Kreiskrankenhaus, um einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen? Wie weit muss eine Frau bis zur nächsten Beratungsstelle oder Praxis fahren? Andere Fragen sind komplexer und lassen sich kontrovers diskutieren. Wie viel Einfluss hat die Religion auf die Entscheidung einer Frau zum Abbruch der Schwangerschaft? Kann man Sterbehilfe und Abtreibung miteinander vergleichen? Ab wann ist ein Embryo ein Lebewesen? Sollten die Kosten für die pränatale Diagnostik von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden?
Von der Schwierigkeit, diese Themen in der politischen Debatte zu behandeln, kann Till Mansmann berichten. Bei Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch sind neben medizinischen Fragen auch juristische und ethische Aspekte zu berücksichtigen. Die Rechtsfragen wiederum berühren sowohl Verfassungs- als auch Strafrecht. Kommt es im Bundestag zu Abstimmungen, bei denen eine ethische Frage im Mittelpunkt steht, werde üblicherweise der Fraktionszwang aufgehoben. Unter Fraktionszwang versteht man die Verpflichtung der Abgeordneten, einem zuvor gefassten Fraktionsbeschluss entsprechend abzustimmen.
Die Sozialpädagogin Ina Maul wie auch Chefärztin Cordula Müller berichten davon, dass es beim Schwangerschaftsabbruch – insbesondere wenn keine medizinische Indikation besteht – um die Wahrung der psychischen und physischen Gesundheit der Mutter gehe. „Es geht nicht um den Gesundheitszustand des Kindes“, ergänzt Humangenetikerin Birgit Schulze.
Ein weiteres Thema, das die Schüler beschäftigt, ist die Übernahme der Kosten für den NIPT, also den nicht-invasiven Pränataltest. Hierbei handelt es sich um eine Methode der pränatalen Diagnostik, mit der das Ungeborene auf Trisomie 13, 18 und 21 getestet werden kann. Die Trisomie 21 ist das häufigste, mit Behinderung einhergehende Syndrom, welches auf einer „falschen“ Chromosomenzahl im Zellkern beruht. In Deutschland leben Ärzten zufolge 30 000 bis 50 000 Menschen mit Down-Syndrom.
Alle Akteure der Podiumsdiskussion sprechen sich in diesem Zusammenhang dafür aus, dass die Kosten für den Test bei Risikoschwangerschaften übernommen werden sollten. Die Humangenetikerin Schulze gibt außerdem zu bedenken, dass der NIPT-Test lediglich auf die Formen des Gendefekts Trisomie hinweisen würde und nicht die Gesundheit des Kindes garantiere. Andere mögliche Gendefekte blieben nach wie vor unentdeckt. Cordula Müller ergänzt allerdings, dass es wohl nur eine Frage der Zeit sei, bis der Test auch über andere Gendefekte aufklären könne. Ob man das als Gesellschaft wolle, sei allerdings fraglich. Schulze wendet ein, dass die Geburt eines behinderten Kindes eine große Belastung sein kann. „Hier kommt es auf die Kraft, Energie und Ressourcen der Eltern an.“ Problematisch in diesem Zusammenhang findet sie, dass von der Politik für Eltern mit behinderten Kindern sehr wenig getan werde.
Dass das Thema Schwangerschaftsabbruch immer wieder zu Konflikten führt, davon können alle Akteure auf der Bühne berichten. „Im Bundestag muss man sich daran gewöhnen, beschimpft zu werden“, so Mansmann. Ina Maul erhält regelmäßig Drohungen von den sogenannten Lebensschützern, und Schulze berichtet von Bombendrohungen, die zu ihrer Studienzeit bei der Uni Heidelberg eingegangen seien. „Da zieht sich ein Riss durch die Gesellschaft. Und zwar in ganzer Breite“, fasst Mansmann die Problematik zusammen.
Die Schüler haben viele Fragen an die Experten. Ein Arm nach dem anderen streckt sich nach oben. Und den Fachleuten ist es wichtig, die teils schwierigen Fragen an diesem Tag einigermaßen zufriedenstellend zu beantworten.
(c) Bürstädter Zeitung 20.02.20