Heppenheim gedenkt der Opfer der Reichspogromnacht

Heppenheim gedenkt der Opfer der Reichspogromnacht

„Erinnern für die Zukunft“ ist das Leitmotiv des Vereins „Stolpersteine Heppenheim“, an dessen Stolperstein-Verlegungen schon immer Schüler des Starkenburg-Gymnasiums beteiligt waren. Da der normalerweise von den Kirchengemeinden in Heppenheim veranstaltete Schweigekreis am Platz der Synagoge zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in diesem Jahr Corona-bedingt nicht erfolgen konnte, haben Schüler der Jahrgangsstufe 11 sowie der Verein Stolpersteine am Morgen des 9. November in einer gemeinsamen Veranstaltung im Rahmen des Ethik- und Religionsunterrichts an die Reichspogromnacht erinnert und der Opfer gedacht. Die Veranstaltung wurde geplant und organisiert von Teilnehmern der Projekt-AG „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“.
Die Schülerschaft stellte sich auf den Markierungen in der Schuleingangshalle und auf den Emporen im ersten Stock mit genügend Abstand zueinander auf. Aufstellwände mit Bildern von brennenden Synagogen und Zitaten einiger Überlebender bezeugten die Gräueltaten in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 und dem darauffolgenden Tag, an dem SA-Leute in die Wohnungen und Geschäfte jüdischer Mitbürger eindrangen und deren Habseligkeiten aus den Fenstern warfen und zerstörten.
Es handelte sich um jene beiden Tage, die offenbarten, dass Antisemitismus und seine Auswirkungen nicht nur in den Großstädten zu bemerken waren. Bis ins kleinste Dorf waren die Menschen nach der Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst von Rath durch einen Juden in Paris aufgerufen, jüdische Gotteshäuser und Gebetsräume zu zerstören.
Auch Heppenheim blieb davon nicht verschont. Dort brannte die Hirsch-Synagoge. Eine Ausstellung der Stadt mit dem Titel „Zerstört, doch nicht vergessen – 120 Jahre Synagoge am Starkenburgweg“ erinnert in der Rathaushalle noch bis zum 15. November an jenen Tag der Zerstörung vor 82 Jahren.
Unter Anleitung der Fachbereichsleiterin Christiane Wüstner wurde die Feierstunde an der Schule vorbereitet. Dabei sei auch die Idee entstanden, zusätzlich zu den Informationstafeln auf den Boden der Flure und Treppenaufgänge Zitate zur Reichspogromnacht als eine Art Stolperstein zu befestigen und so die Geschehnisse in den Blickpunkt aller Schüler zu bringen.
Wüstner begrüßte Gäste und Schüler. In ihrer Ansprache sagte die Fachbereisleiterin: „Der 9. November 1938 war ein Tag in einer Reihe von Tagen und Nächten, in denen der Nationalsozialismus sein furchtbares Gesicht zeigte. An Tagen wie heute innezuhalten und gemeinsam zu erinnern, ist deshalb wichtig. Denn es geht um Menschen. Jeder Einzelne von ihnen hatte einen Namen, eine einzigartige Würde und Identität“, so Wüstner.
Gemeinsames Erinnern an die einzelnen Schicksale
Auch Sabine Fraune, Vorsitzende des Vereins Stolpersteine, richtete ein Grußwort an die Schüler. Fraune berichtete über die Verlegung von Stolpersteinen vor ehemaligen Wohnungen jüdischer Mitbürger. Im Besonderen erinnerte sie an Ludwig Sundheimer, einen Schüler der Ober-Realschule. Als 13-Jähriger musste er im Jahr 1933 die Vorgängerschule des Starkenburg-Gymnasiums verlassen; er begann eine Gärtnerlehre in Diez und lebte in einem jüdischen Kinderheim. Im Jahr 1935 folgten ein Monat Konzentrationslager in Dachau, Zwangsarbeit im Tonwerk in Heppenheim und die Deportation sowie Ermordung von ihm und seiner Familie im Jahr 1942 in Majdanek.
Schüler Dominik Weigold erläuterte das Veranstaltungskonzept. „Ich denke, es geht nicht nur mir so, wenn ich sage, dass ich mir heute nicht mehr vorstellen kann, wie es damals so weit kommen konnte und was die Menschen getrieben haben muss, einen solchen Hass zu entwickeln“, so Weigold. Heute unterschieden sich die Menschen dadurch, dass sie wüssten zu was Menschen fähig seien. „Wir sollten uns nicht befangen fühlen, gegen etwas, das grundlegend falsch ist, die Stimme zu erheben“, meinte Weigold.
Hanna Adler, Lucy Pohl und Kim Strauch lasen aus einem literarischen Beitrag vor. In der Geschichte von Ingeborg Wolf hat ein Junge erlebt, wie ein Vogelkäfig aus einem Fenster geworfen wurde und der Vogel von schwarzen Stiefeln zertreten wurde. Innehielten die Schüler zur Titelmelodie aus Schindlers Liste. Eine gemeinsame Schweigeminute folgte, nachdem Helene Hahn, Lilith Hanssen, Alicia Heß und Weigold die Namen der 26 im Nationalsozialismus ermordeten Juden aus Heppenheim vorgetragen hatten.
(C) Echo-online 10.11.20