Starkenburg-Gymnasium gewährt Einblick in Online-Unterricht

Starkenburg-Gymnasium gewährt Einblick in Online-Unterricht

So schnell wie im letzten Jahr hat sich das Gymnasium noch nie entwickelt. Warum sich trotzdem alle nach einer Rückkehr in die Schule sehnen.

Bettina Reinhardt sitzt am Schreibtisch ihres heimischen Büros und checkt die Geräte. Der Laptop ist startklar, das Tablet griffbereit, das Smartphone liegt in Reichweite. „Es geht los“, sagt die stellvertretende Schulleiterin des Starkenburg-Gymnasiums, als um 11.35 Uhr die Namen der Schüler ihres Biologie-Grundkurses auf dem Bildschirm aufploppen. Pünktlich, ganz ohne Gong. Reinhardt bittet die Elftklässler, für einen kurzen Moment die Videofunktion zu aktivieren, um die Anwesenheit zu überprüfen. Ein kurzer Blick, ein paar Haken – der Unterricht kann starten.

Abläufe routiniert, kein digitales Desaster

Schon zu Beginn der Stunde wird deutlich: Die Abläufe des Online-Unterrichts wirken routiniert, ein digitales Desaster sieht anders aus. Das kommt nicht von ungefähr, wie Bettina Reinhardt erklärt: „Wir bieten bei uns schon seit zehn Jahren Digitalunterricht an.“ Das Starkenburg-Gymnasium nutzt eine Lernplattform, auf der Dokumente und digitale Tests hinterlegt werden können; Schüler, Lehrer und Eltern sind über wenige Mausklicks erreichbar.

Seit der Online-Unterricht pandemiebedingt zum Alltag geworden ist, greifen Lehrer und Schüler zusätzlich auf ein Videokonferenzsystem zurück. „Hierüber konferieren wir oder teilen unsere Gruppenarbeiten ein“, erklärt Reinhardt. Ausstattungsprobleme gebe es am Starkenburg-Gymnasium keine, die meisten hätten zuhause die Möglichkeit, online zu sein. „Für die Ausnahmen hat die Schule selbst vor einiger Zeit 80 Tablets angeschafft und auch vom Kreis können jetzt Laptops geliehen werden. Aktuell haben wir 15 zusätzliche Geräte geliehen – bei 935 Schülern“, so Reinhardt, der durchaus bewusst sei, dass das nicht an allen Schulen so aussehe.

Online-Unterricht nicht als Dauerlösung

Doch: Als Dauerlösung kommt der Online-Unterricht für die meisten nicht in Frage. Trotz des oft problemlosen Ablaufs wünschen sich viele in die Schule zurück. „Neun Stunden vor einem Bildschirm zu sitzen, das ist schon ermüdend. Die Aufmerksamkeit lässt dann einfach nach“, berichtet ein Schüler. Ein anderer Schüler bemängelt, dass er sich zuhause in seinem privaten Umfeld noch viel leichter ablenken lasse.

Während Reinhardt die Schüler verschiedenen Online-Gruppenräumen zuteilt, wo diese sich Wissenswertes zum Thema Moleküle präsentieren, betont auch sie ihre Sehnsucht nach der Schule. „Wir können guten Distanzunterricht anbieten und kommen klar, ja. Den persönlichen Kontakt zu den Schülern kann das aber nicht ersetzen.“ Zuckt in der Schule die Augenbraue eines Schülers, erkenne sie schnell, dass noch Erklärungsbedarf besteht. Ob ein Schüler traurig ist, womöglich Redebedarf hat, sei im direkten Kontakt ebenfalls besser zu erkennen. „Unser ganzes Miteinander liegt auf Eis, die AGs, der Sport, die Projekte und Aktionen, die zusammenschweißen. Das fehlt einfach“, betont sie. „Es gibt nichts Traurigeres als eine Schule ohne Menschen“.

Jüngere haben es schwerer als ältere Schüler

Zu bedenken gibt sie auch, dass die jüngeren Schüler deutlich mehr Probleme mit dem Online-Unterricht hätten als die älteren. „Das liegt daran, dass diese noch nicht so viel Zeit hatten, sich das selbstständige Lernen anzueignen.“ Auch das Kollegium werde durch das schnelle Voranschreiten der Digitalisierung von Unterricht und Lernräumen vor große Herausforderungen gestellt.

Als Mutter von vier Kindern, die sich derzeit ebenfalls zuhause befinden, weiß sie: Für eine Doppelstunde 90 Minuten vor der Kamera zu sitzen, ist wenig sinnvoll. „Die bekommen ja viereckige Augen. Denn man muss ja bedenken, dass so viele Freizeitalternativen wegfallen, dass die Tage auch nach dem Unterricht oft vor irgendwelchen Geräten verbracht werden.“ Daher gibt die Bensheimerin ihr Bestes, durch den Wechsel zwischen Gruppenarbeiten, Stillarbeitszeiten und dem direkten Austausch per Video und Chat Abwechslung in den Unterrichtsalltag zu bringen.

Lernpfad beginnt mit einem Quizz

Ein Beispiel: Nachdem sich die Schüler in Gruppen die Eigenheiten von Proteinen und Co. nähergebracht haben, starten sie auf der Lernplattform einen so genannten Lernpfad. Dieser beginnt mit einem Quiz, in dessen Anschluss die Schüler – je nach Abschneiden – ein zusätzliches Erklärvideo oder aber ein Arbeitsblatt erwartet, in dem es alle aufgekommenen Fragen zu beantworten gilt. „So etwas kommt meistens gut an“, betont Reinhardt, die trotz aller Nachteile und des großen Aufwands festhält: „So schnell wie im letzten Jahr haben wir uns als Schule noch nie weiterentwickelt. Und einiges werden wir sicher auch in Zukunft beibehalten.“

(C) Echo-Online 29.01.21