Fragt uns, wir sind die Letzten

Fragt uns, wir sind die Letzten

Im März dieses Jahres erhielten Schüler*Innen der Religionskurse des 11. Jahrgangs des Starkenburg-Gymnasiums in Heppenheim im Rahmen einer Aktion des Maximilian-Kolbe-Werks und des Bistums Mainz die Chance, mit der Holocaust-Überlebenden Henriette Kretz ins persönliche Gespräch zu kommen. Sie konnten Fragen über den 2.Weltkrieg zu stellen, für die Bilder, Zeitungen, Briefe und Berichte aus dem Geschichtsunterricht nicht ausreichen.

Eigentlich sollte die Begegnung mit den Zeitzeugen bereits 2020 in der Evangelischen Jugendbildungsstätte Höchst im Odenwald stattfinden, aber anstatt eines erneuten Aufschubs wegen der aktuellen Corona-Pandemie wurde der Plan diesmal in Form einer Online-Veranstaltung mit insgesamt ca. 90 Teilnehmer*Innen in die Tat umgesetzt.

„Sie sind gerade in einer schwierigen Situation. Wegen Corona können Sie Ihre Freunde nicht sehen und müssen zu Hause allein mit allem zurechtkommen“, richtet sich die 86-Jährige mitfühlend an die Schüler*Innen. Auf Augenhöhe erzählt die frühere Lehrerin von ihrer Kindheit während der Judenverfolgung und bezieht die jungen Erwachsenen durch interessierte interaktive Fragen immer wieder mit ein.                                                                                                                                                            Als neugierige Tochter einer jüdischen Juristin und eines jüdischen Arztes wächst Henriette in der Nähe von Opatów im südöstlichen Polen auf und verbringt die ersten Jahre ihrer Kindheit mit ihren Eltern in einer Umgebung „ohne Smartphones und Autos“.  Nach dem deutschen Überfall auf Polen im Herbst 1939 musste die jüdische Familie vor den heranrückenden Deutschen mit der kleinen Henriette nach Lwiw (Lemberg) in der heutigen Ukraine fliehen. 1941 wurde die Familie aus ihrer Wohnung vertrieben und musste ins Ghetto umsiedeln. Mehrmals entkamen sie der Deportation. Sie waren ständig Hunger, Krankheiten und verschieden Gefahren ausgesetzt. Mehrfach gelang es Henriettes Vater, seine Familie vor dem Schlimmsten zu bewahren und mit Hilfe von ukrainischen Bekannten oder durch Bestechung die Familie vor der Erschießung zu retten und aus dem Gefängnis zu befreien. Nachdem sie über ein halbes Jahr von einer polnisch-ukrainischen Familie versteckt worden waren, entdeckte sie die Gestapo. Henriettes Eltern wurden vor ihren Augen erschossen. Sie selbst konnte sich in einem Nonnenkloster verstecken und überlebte die Zeit des NS-Terrors.                                                                                                 Während des Zweiten Weltkriegs sind mehr als 60 Millionen Menschen ums Leben gekommen, darunter 6 Millionen Juden und 1,5 Millionen Sinti und Roma, die infolge der nationalsozialistischen Rassenideologie verfolgt, vertrieben und zuletzt brutal ermordet wurden. Somit sei ihre Geschichte, so sagt Henriette, nur eine von vielen dieser grausamen Zeit.

In der Schlussrunde können die Schüler*innen Fragen an die Zeitzeugin stellen. So fragt jemand, wie sie denn all den Menschen, die für ihre schreckliche Kindheit verantwortlich sind, vergeben könne. Die Antwort fällt kurz und dennoch außergewöhnlich aus: „Ich habe kein Recht, ihnen zu vergeben. Das müssen die tun, die ermordet wurden.“ Hass scheint für Frau Kretz keine Option zu sein; das macht sie den jungen Menschen deutlich.                                                                                                                                             Sie möchte ihnen mitgeben, dass Hass keinen Platz auf dieser Welt haben soll, denn er sei der Ursprung von Diktaturen. Niemand werde als Mörder geboren, man werde zum Mörder gemacht. Sie berichtet den Teilnehmer*innen über ihre Zeit als Lehrerin: Da habe sie in jeder Klasse Kinder gesehen, die ausgegrenzt wurden – aus Hass. Und im NS-Regime wurden ethnische Minderheiten verfolgt – aus Hass. Verabschiedet wurden die Schüler*innen und Lehrkräfte von Frau Kretz mit dem Appell, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und dabei Ausgrenzung – egal wo, egal wann – entgegenzutreten.

Dieser Nachmittag war wirklich ein Perspektivwechsel: jemand, der den Schüler*Innen nichts über Dramenanalysen, Exponentialfunktion oder Enzymregulation erzählt, sondern eine ehemalige Lehrerin, zugleich Holocaust-Überlebende, die mit ihnen darüber spricht, was Hass allein aus einem Menschen machen kann. In diesen wenigen Stunden wurden sie gelehrt, dass es ihre eigene, tagtägliche Wahl zwischen Liebe oder Hass, zwischen Respekt oder Mobbing und schlussendlich auch zwischen Frieden oder Krieg ist, die den Unterschied macht. Sie haben verstanden, wie viel diese Wahl und ihre Stimme jeden Tag wert ist.